Eine junge Frau, sportlich aktiv und ohne Beschwerden – und dennoch steht plötzlich eine Rekonstruktion der Aortenklappe im Raum. Genau das verunsichert die Mutter: Muss eine Operation wirklich schon jetzt sein, wenn die Tochter im Alltag nichts merkt, oder kann man bei engmaschigen Kontrollen noch warten? Der Experte ordnet die Situation weniger nach dem subjektiven Befinden ein, sondern nach den Befunden: Entscheidend sind bei einer Aortenklappeninsuffizienz vor allem Veränderungen an der linken Herzkammer und Hinweise auf nachlassende Herzfunktion. Er erklärt, warum ein Zuwarten in dieser Konstellation riskant werden kann und welche Optionen (Ross-OP oder Klappenersatz) je nach OP-Befund überhaupt infrage kommen.
Die Sprechstundenfrage im Wortlaut:
Bei meiner 38-jährigen Tochter wurde im Jahre 2009 vor einer Chemotherapie, die wegen einer Krebserkrankung durchgeführt wurde, eine wohl angeborene leichtgradige Herzklappeninsuffizienz festgestellt. Nach der Chemotherapie hat sich der Wert auf mittelgradig verschlechtert. Es wurde eine jährliche Kontrolle beim Kardiologen empfohlen. Nach 15 Jahren der Stabilität hat der Kardiologe nun eine mittelgradige bis hochgradige Herzklappeninsuffizienz festgestellt und wegen ihres Alters von fast 40 Jahren eine Rekonstruktion der Aortenklappe nach „Ross“ empfohlen. Bei mir stellt sich nun die Frage, ob diese Operation zum jetzigen Zeitpunkt unbedingt notwendig ist, da meine Tochter völlig asymptomatisch ist, täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, Sport treibt, Ski fährt und sonst keinerlei Einschränkungen in ihrem täglichen Leben hat. Dazu kommt, dass zwei kleine Kinder betreut werden müssen. Oder wäre es nicht auch möglich, bei engmaschiger Kontrolle mit der Operation vielleicht noch etwas zu warten? (Brigitte L., Landshut)
Expertenantwort:
Bei Ihrer 38-jährigen Tochter besteht eine bedeutsame Undichtigkeit der Aortenklappe, also eine Aortenklappeninsuffizienz. Sie fragen nun, ob mit der empfohlenen Herzklappenoperation noch zugewartet werden kann, da in ihrem Alltag und während ihres Freizeitsportes keine offensichtlichen Einschränkungen vorliegen. Anhand der beigefügten Befunde handelt es sich hier um eine höhergradige Aortenklappeninsuffizienz, die durch das ständig durch die undichte Klappe zurückschwappende Blut bereits zu einer ausgeprägten Vergrößerung (Dilatation) der linken Herzkammer geführt hat. Auch die Funktion des Herzmuskels ist laut einer Magnetresonanztomographie (MRT) des Herzens von diesem Frühjahr bereits etwas eingeschränkt. Im Vergleich zu der Voruntersuchung aus dem Jahr zuvor zeigt sich zudem eine deutliche Verschlechterung im Sinne einer Zunahme (Progression) der Vergrößerung der linken Herzkammer.
Kein Gewinn durch weiteres Zuwarten
Auch wenn Ihre Tochter ihren Alltag noch gut bewältigen kann, wobei man sich oft an eine schleichende Belastungseinschränkung gewöhnt, sodass man diese zunächst gar nicht wahrnimmt, ist aufgrund dieser Befundlage eine eindeutige und dringliche Operationsnotwendigkeit gegeben! Durch ein weiteres Zuwarten kann Ihre Tochter nichts gewinnen; es wäre im Gegenteil sehr gefährlich! Denn das Risiko eines unumkehrbaren Funktionsverlustes und „Ausleiherns“ des linken Herzmuskels steigt beständig weiter an. Ebenso das Risiko weiterer Komplikationen wie zum Beispiel das Auftreten von Herzrhythmusstörungen. Da die Aortenklappe Ihrer Tochter laut Befund nur aus zwei statt aus drei Taschen aufgebaut ist, wird mit dem erhöhten Blutvolumen, das die linke Herzkammer mit jedem Schlag pumpen muss, die jetzt schon bestehende Aufweitung der Hauptschlagader weiter zunehmen. Man spricht in diesem Fall von einer bikuspiden Klappenanlage, wie sie bei circa fünf Prozent aller Menschen vorkommt. Das erhöhte Blutvolumen bedeutet in diesem Fall, dass die linke Herzkammer mit jedem Schlag mehr pumpen muss, wobei das Blut gemeint ist, was aus der Lunge kommt, plus das, was aus der Hauptschlagader zurückschwappt. Dies wiederum führt in einem Teufelskreis zu einer Zunahme der Aortenklappeninsuffizienz.
Optionen beim Klappenersatz: Ross-Operation oder Kunstklappe
Zusammengefasst sollte Ihre Tochter dringend dem Rat ihres Kardiologen folgen und jetzt zeitnah eine Aortenklappen-Operation durchführen lassen. Sofern sich die körpereigene Klappe dabei nicht erhalten und rekonstruieren lässt, werden die Operateure sie über die verschiedenen Möglichkeiten eines Klappenersatzes (Ross-Operation oder Kunstklappe) mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen informieren. Dabei kann für einen jungen Menschen mit sportlich-aktiver Lebensführung und entsprechendem Verletzungsrisiko die sogenannte Ross-Operation von Vorteil sein. Hierbei wird die erkrankte Aortenklappe durch die eigene Pulmonalklappe ersetzt. Letztere wird gleichzeitig durch eine biologische Klappe, wie beispielsweise eine menschliche Spenderklappe/„Homograft“ ersetzt. Denn anders als die Kunstklappe erfordert der Zustand nach Ross-Operation keine medikamentöse Blutverdünnung (zum Beispiel mit dem Wirkstoff Phenprocoumon, wie er in Marcumar oder Falithrom enthalten ist).
Experte
Prof. Dr. med. Christian Jux, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Abteilungsleiter der Kinderkardiologie am Universitätsklinikum Gießen.