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Herzmuskelentzündung: Was bei Covid-19 bekannt ist

Fragen und Antworten zu Risiken durch Covid-19-Erkrankung und Impfung

Erstellt: 22.07.2021

Arzt hört mit Stethoskop Herz ab
©DC Studio - stock.adobe.com

Eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann auch das Herz angreifen und in einigen Fällen womöglich zu einer Herzmuskelentzündung (Myokarditis) führen. In jüngster Zeit wird zudem darüber diskutiert, dass auch im Nachgang einer Covid-19-Impfung, vor allem mit einem sogenannten mRNA-Impfstoff, Entzündungen am Herzmuskel, teilweise auch am Herzbeutel (Perikarditis) bei einigen, wenigen Patienten auftreten. Im Artikel fassen wir die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und wie Kardiologen die Risiken einschätzen.

Was ist eine Myokarditis?

Die Myokarditis, im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Herzmuskelentzündung bezeichnet, ist eine entzündliche Erkrankung des Herzmuskels, bei der häufig Erreger (überwiegend Viren) das Muskelgewebe des Herzens, das sogenannte Myokard, befallen. Sie dringen in die Zellen ein, was zur Zerstörung des Herzmuskelgewebes führen kann. Der Prozess kann im Herzen regional begrenzt sein, aber im schlimmsten Fall auch den ganzen Herzmuskel betreffen. Oft kann die körpereigene Immunabwehr diesem Prozess entgegenwirken und eine Ausheilung erreichen. In einigen Fällen allerdings sind gerade die körpereigenen Schutzmechanismen mit Bildung von Abwehrzellen und spezifischen Eiweißkörpern an den Zerstörungsprozessen stark beteiligt. Warum das manchmal der Fall ist – selbst wenn der Erreger gar nicht mehr nachweisbar ist – ist noch nicht geklärt.

Art, Ausmaß, Dauer und verbleibender Endzustand dieses Entzündungsvorgangs (Inflammation) und der Gewebeschädigung sind individuell stark unterschiedlich, sodass Verlauf und Prognose einer Myokarditis schwer vorherzusagen sind. Auch Schadstoffe (etwa Strahlen oder bestimmte Medikamente) könnten einen Reiz auslösen, der das Abwehrsystem aktiviert und Entzündungsprozesse in Gang setzt.

Grundsätzlich werden drei Verlaufsformen einer Myokarditis unterschieden:

  • subklinische Myokarditis (oft gar nicht bemerkt, heilt i.d.R. ohne schwere Komplikationen ab)
  • akute Myokarditis (klassische Form mit akuter Beeinträchtigung der Herzfunktion)
  • chronische Myokarditis (Entzündungsvorgänge im Herzgewebe bestehen mehr oder minder aktiv fort)

Bei einer Herzbeutelentzündung (Perikarditis) laufen ähnliche Entzündungsprozesse wie bei der Herzmuskelentzündung ab. Die betreffen in diesem Fall die Bindegewebshülle (Perikard), die das Herz komplett umschließt und in seiner Form hält. Das Perikard grenzt direkt an das Herzmuskelgewebe. Auch hier werden ein akuter und ein chronischer Verlauf unterschieden. Männer zwischen 20 und 50 Jahren scheinen das höchste Risiko für eine Perikarditis zu haben.

Was sind typische Symptome einer Herzmuskelentzündung?

Ein einzelnes, spezifisches und zuverlässiges Leitsymptom gibt es nicht! Oft gehen die ersten Anzeichen in den allgemeinen Infektionsbeschwerden unter und werden nicht aufs Herz bezogen. Aufmerksam sollte man werden, wenn nach dem Abklingen der Infektionssymptome wie Fieber, Schwindel, Muskelschmerzen oder auch Durchfall, diese Beschwerden anhalten bzw. neu auftreten

  • Atemnot bei Anstrengung,
  • Herzrasen,
  • Herzstolpern (Rhythmusstörungen),
  • Herzschmerzen (vor allem bei einer Perikarditis)
  • unerklärliche Müdigkeit und Abgeschlagenheit,
  • körperliche Schwäche.

So unspezifisch die Symptome sind, so schwierig ist gerade bei milden Verlaufsformen auch die Diagnose. Für die Klärung des Verdachts werden an erster Stelle vom Arzt zunächst EKG, Röntgenbild und Echokardiographie eingesetzt. Wichtig sind dann im weiteren Verlauf auch eine Magnetresonanztomographie des Herzens (kMRT) und Blutuntersuchungen. Bei den Laborwerten ist vor allem das Troponin ein wichtiger Hinweisgeber auf eine Myokarditis.

Wie wird bei einer Myokarditis behandelt?

Auch für die Behandlung bei einer Myokarditis gibt es keine einheitlichen Empfehlungen. Sie wird im Einzelfall auf die Schwere und den Verlauf der Herzmuskelentzündung abgestimmt. Bei einem asymptomatischen (falls überhaupt erkannt) oder unkomplizierten Verlauf erfolgt zwar eine aufmerksame Beobachtung, jedoch häufig keine spezielle Therapie. Bei Patienten mit merklichen Symptomen werden im Wesentlichen drei Ziele verfolgt:

  • Stabilisierung der Pumpfunktion des Herzmuskels durch Unterstützung und Entlastung etwa mit Medikamenten
  • Bekämpfung des Entzündungsprozesses, um Schäden am Herzmuskel zu mindern
  • Behandlung von Rest- und Folgezuständen, um das Risiko zu vermeiden, dass der Entzündungsprozess fortschreitet.

Mehr zur Therapie lesen Sie hier: Behandlung und Dauer der Herzmuskelentzündung.

Ansonsten ist Schonung angeraten. Intensive sportliche Aktivitäten sollten nach einer sicher anzunehmenden Myokarditis etwa sechs Monate vermieden werden und erst nach einer kardiologischen Kontrolluntersuchung mit unauffälligen Befunden wieder aufgenommen werden.

Die Langzeitprognose nach einer akuten, nicht wesentlich kompliziert verlaufenen Virusmyokarditis ist überwiegend positiv. Bei etwa 70 % der Patienten ist von einer kompletten Heilung auszugehen. Bei einigen Betroffenen bleiben leichte Beschwerden durch eine Vernarbung im Herzmuskel, u.a. leichte Rhythmusstörungen, zurück. Bei Patienten mit bereits vorhandener ausgeprägter Herzinsuffizienz ist die Prognose hingegen deutlich schlechter. Schätzungsweise 15 % der Patienten entwickeln zudem chronische Verläufe, die in seltenen Fällen dann z.B. zu einer fortschreitenden und irreversiblen Herzinsuffizienz führen.

Wie kann die Covid-19-Erkrankung den Herzmuskel schädigen?

Viren sind generell die häufigsten Auslöser einer Herzmuskelentzündung. In der Anfangsphase einer viralen Myokarditis dringt der Erreger in die Zelle ein und vermehrt sich dort durch Herstellung von Selbstkopien. Dazu muss das Virus mit einem eigenen, spezifischen Antigenteil an seiner Hülle, ähnlich einem Schlüssel, mit einem ebenso spezifischen Rezeptor an der Zelle, vergleichbar mit dem passenden Schloss, verbinden. Und genau so einen Schlüssel besitzt auch der Covid-19-Erreger auf seiner Zelloberfläche für den ACE2-Rezeptor, der als Schloss fungiert und auf Lungen- und Herzzellen zu finden ist. Im Labor konnten Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung zum Beispiel nachweisen, das SARS-CoV-2, das vor allem die Lunge angreift, auch in Herzmuskelzellen eindringen kann1.

Auch in Gewebeproben (Myokardbiopsien) von Covid-19-Patienten haben Kardiologen den Erreger nachweisen können. Bereits früh war zudem aufgefallen, dass es bei einigen Patienten mit Covid-19 zu einem Anstieg des Herzinfarktmarkers Troponin kommt – oft erst nach Abklingen der eigentlichen Infektionssymptome.

Weitere Untersuchungsdaten erhärten inzwischen den Verdacht, dass das Virus SARS-CoV-2 Schäden direkt am Herzen verursachen kann. So haben zum Beispiel US-amerikanische Forscher aus Ohio2 bei 15 Prozent der untersuchten Sportler nach symptomarmer Covid-19-Erkrankung einen kardialen Befund bei einer Magnetresonanzuntersuchung (kMRT) festgestellt, der für eine Myokarditis sprach. Und auch an der Universitätsklinik in Frankfurt untersuchte im Sommer 2020 das Team von Professor Eike Nagel 100 Menschen mit einer kMRT, bei denen in der Vorgeschichte ein positiver SARS-CoV-2-Test und Covid-19-Symptome vorlagen3. Bei insgesamt 78 Patienten fanden die Kardiologen Zeichen, die für eine Herzbeteiligung sprachen, bei 60 waren Anzeichen für eine kardiale Entzündung vorhanden.

Wie groß aber letztlich das Risiko für eine Myokarditis und vor für allem bleibende kardiale Schäden durch Covid-19 ist, ist derzeit noch unklar. Und wie der Schädigungsprozess konkret abläuft, ist ebenfalls noch nicht abschließend geklärt.

Kann auch eine Covid-19-Impfung das Herz schädigen?

In den vergangenen Wochen erhielt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zunehmend Meldungen über den Verdacht einer Myokarditis oder Perikarditis im zeitlichen Zusammenhang mit einer Covid-19-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff. Wie das PEI in einem Sicherheitsbericht verweist, traten die Fälle in Übereinstimmung mit anderen, internationalen Daten (vor allem aus Israel und den USA) überwiegend bei männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab 16 bis 29 Jahren auf. Meist war das innerhalb von 14 Tagen der Fall und häufiger nach der zweiten Dosis einer mRNA-Covid-19-Impfung. Nach Durchsicht der Daten hat im Juli nun der Ausschuss für Risikobewertung (Pharmacovigilance Risk Assessment Committee, PRAC) beschlossen, Myokarditis und Perikarditis als mögliche Nebenwirkung in die Fach- und Gebrauchsinformationen beider mRNA-Impfstoffe (Comirnaty/Biontech und Spikevax/Moderna) aufzunehmen. Der PRAC betont dennoch, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis der mRNA-Impfstoffe weiterhin positiv ist.

Generell sollen Patienten und Ärzte/medizinisches Fachpersonal nach einer Covid-19-Impfung nun auf die Zeichen einer Myokarditis und Perikarditis achten:

  • Atemnot/Kurzatmigkeit,
  • ein starker Herzschlag, der unregelmäßig sein kann (Palpitationen)
  • Schmerzen in der Brust

Eine genaue Häufigkeit einer Myokarditis und/oder Perikarditis nach mRNA-Covid-19-Impfung kann bislang nicht sicher ermittelt werden, da epidemiologische (bevölkerungsbezogene) Studien fehlen. Allerdings scheint eine Myokarditis nach mRNA-Impfstoffen sehr selten zu sein. Nach PEI-Angaben kann zum Beispiel aus den US-Daten eine Häufigkeit von weniger als 1:100.000 Impfdosen abgeschätzt werden. Aus den israelischen Daten wurde eine grob kalkulierte Häufigkeit von etwa 2,4 Fällen pro 100.000 Personen nach einer zweiten Dosis Comirnaty errechnet. Zudem wurden 95 % der Fälle als mild beschrieben mit einem zumeist kurzen Krankenhausaufenthalt. In Deutschland wiederum wurden nach PEI-Daten (bis 30.6.2021) insgesamt 173 Fälle einer Myokarditis und/oder Perikarditis nach Impfung mit Comirnaty (Hersteller Biontech) bei insgesamt über 54 Millionen Applikationen sowie 31 Fälle nach Spikevax-Impfung (Hersteller Moderna) bezogen auf mehr als 6,4 Millionen Impfapplikationen berichtet. Einige wenige Fälle wurden übrigens auch nach einer Impfung mit einem Vektor-Impfstoff dem PEI bislang berichtet (21 nach Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff, 1 nach Impfung mit den Janssen-Impfstoff). 

So viel wurde bisher geimpft

Bis Ende Juni wurden laut Angaben des Robert Koch-Instituts 74.871.502 Impfungen durchgeführt, davon 54.898.640 Impfungen mit Comirnaty (Biontech/Pfizer), 6.471.052 Impfungen mit Spikevax (Moderna), 11.570.155 Impfungen mit Vaxzevria (AstraZeneca) und 1.931.655 Impfungen mit dem Covid-19-Impfstoff Janssen. 

Experte

Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
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  1. Wie diagnostizieren Ärzt/innen eine Myokarditis, welche Symptome gibt es und wie ist die Prognose? Alle Fakten zur Herzmuskelentzündung im Überblick.
  2. Experten der Deutschen Herzstiftung beantworten erste Fragen zur Covid-19-Impfung.
  3. Coronavirus und Herzkrankheiten – Herzstiftung fördert 14 Forschungsprojekte mit insgesamt 1 Million Euro. Alle Projekte im Überblick.

1. Cardiovascular Research, Volume 116, Issue 14, 1 December 2020, Pages 2207–2215

2. JAMA Cardiol. 2021;6(1):116-118. doi:10.1001/jamacardio.2020.4916

3. JAMA Cardiol. 2020 Nov 1;5(11):1265-1273. /doi:10.1001/jamacardio.2020.3557.