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Wenn der Blutdruck nach dem Essen in die Knie geht

Gerade erst gut gegessen und plötzlich Schwindel und Benommenheit? Bei einigen Menschen liegt das an einem massiven Blutdruckabfall.

Aktualisiert: 02.01.2023

Frau hat nach dem Essen niedrigen Blutdruck
Rawpixel.com

Müdigkeit nach einem guten Essen ist ein weit verbreitetes Phänomen. Doch bei einigen – zumeist älteren – Menschen kommt es zu ausgeprägtem Schwindel bis hin zu Ohnmachtsanfällen nach einer Mahlzeit. Ursache ist ein stark erniedrigter Blutdruck. Ein solcher, massiver Blutdruckabfall wird medizinisch als postprandiale Hypotonie bezeichnet. Sogar Patienten, die sonst an Bluthochdruck leiden, können davon betroffen sein.

Wie hängen Verdauung und Blutdruck zusammen?

Nach einer Mahlzeit stellt sich unser Körper gezielt auf die Verdauung der aufgenommenen Nahrung ein. Für deren Abbau und die Verstoffwechselung wird dann ein hohes Blutvolumen benötigt. Das geschieht unter anderem durch eine erhöhte Pumpleistung des Herzens. Gleichzeitig ziehen sich Blutgefäße in anderen Körperregionen zusammen, so dass mehr Blut – und damit auch Energie – im Verdauungssystem zur Verfügung steht. Der Blutstrom im Dünndarm kann sich zum Beispiel nach einer Mahlzeit verdoppeln. Im Normalfall bleibt der Blutdruck dabei insgesamt weitgehend stabil. Bei einigen Menschen ist die natürliche Regulation jedoch gestört. Ihr Körper reagiert auf die Umverteilung des Blutes mit einer unpassenden Gegenregulation und der Blutdruck kann stark abfallen.

Wann liegt eine Hypotonie vor?

Ein normaler Blutdruck liegt bei einem am Oberarm gemessenen Wert von etwa 120/80 mmHg vor. Er kann auch durchaus niedriger sein. Kardiologische Fachgesellschaften haben den Bereich von 110-119 mmHg systolisch und 65-79 mmgHg sogar als optimalen Blutdruck definiert. Fallen die Messwerte jedoch darunter, spricht man von einer Hypotonie. Dauerhaft niedriger Blutdruck kann für Betroffene mit hohem Leidensdruck verbunden sein: Schwindel, Benommenheit, Flimmern vor den Augen, morgendliche Müdigkeit, Antriebsmangel, Konzentrations- und Leistungsschwäche. Im Gegensatz zum Bluthochdruck werden niedrige Werte zwar als weniger für Herz und Gefäße gefährlich eingestuft, dennoch können auch kritische organische Ursachen und Krankheiten vorliegen. Daher ist ein Gang zum Arzt ratsam, wenn die Blutdruckwerte ständig zu niedrig sind und solche Beschwerden vorliegen.

Die häufigste Form von zu niedrigem Blutdruck ist die orthostatische Hypotonie. Hier kommt es beim Wechsel vom Liegen zum Stehen etwa oder vom Sitzen zum Aufstehen zu Symptomen wie Zittern, Schwindel und Schwarzwerden vor Augen. Eine Sonderform tritt auf, wenn sich ähnliche Beschwerden ständig nach dem Essen (= postprandial) zeigen.

Was sind die typischen Symptome einer postprandialen Hypotonie?

Eine sogenannte postprandiale Hypotonie liegt dann vor, wenn nach einer Mahlzeit innerhalb von zwei Stunden der Blutdruck um 20 mmHg oder mehr sinkt. Es geht hierbei im Wesentlichen um einen auffällig starken Abfall des Blutdrucks. Dieser kann selbst für Patienten, die ansonsten zu hohe Blutdruckwerte haben, auftreten und zu Schwindel, Unwohlsein und Benommenheit bis hin zu Ohnmachtsanfällen – sogenannten Synkopen– führen. Stürze bei Senioren sind dann besonders kritisch, weil das Risiko für Knochenbrüche bei ihnen hoch ist.

Für die Diagnose werden meist die gleichen Kriterien wie für eine orthostatische Hypotonie angewandt. Außerdem erfolgt meist eine Langzeitblutdruckmessung durch den Arzt plus Dokumentation der Mahlzeiten (Uhrzeit, Menge, Zusammensetzung) und der aufgetretenen Symptome. Bei einem sogenannten Tilt-Test lässt sich auf einem speziellen Kipptisch feststellen, wie der Blutdruck auf verschiedene Körperpositionen reagiert.

Ursachen für Schwindelattacken nach dem Essen

Für die Verdauung fließt viel Blut in den Verdauungstrakt, das erfordert eine koordinierte Blutumverteilung. Vermutlich sorgt bei Patienten mit postprandialer Hypotonie eine unzureichende kardiovaskuläre Kompensation der lokalen Blutansammlung in Magen und Darm für die Symptomatik. Der genaue Mechanismus ist noch nicht bekannt. Es kommen u.a. hormonelle Störungen, Störungen des vegetativen Nervensystems (Beeinträchtigungen der Sympathikus- und Baroreflexfunktion) sowie funktionelle Probleme mit der Magendehnung bzw. der Magenentleerungsgeschwindigkeit infrage. Es hat sich z.B. gezeigt, dass bei etlichen Betroffenen die Magenpassage sehr schnell ist. Auch Schäden an Nerven und Blutdrucksensoren werden als Ursache diskutiert.  

Bekannt ist aus Erhebungen, dass ein mehr als moderater Blutdruckabfall mit schwerwiegenden kardiovaskulären Folgen und mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden ist. Vor allem Senioren und Patienten mit Parkinsonerkrankung oder Diabetes mellitus Typ 2 sind häufiger von einer postprandialen Hypotonie betroffen. Bei ihnen liegt oft gleichzeitig eine Gefäßsteifigkeit oder/und eine unzureichende Fähigkeit der Blutgefäße vor, sich zusammenzuziehen. Dies kann die Störungen der für die Verdauung nötigen Gefäßreaktion mit erklären. Einer Untersuchung zufolge ist bis zu jeder vierte Mensch in einem Pflegeheim von einer postprandialen Hypotonie betroffen.

Was tun bei postprandialen Beschwerden?

Patienten mit postprandialer Hypotonie helfen manchmal bereits einfache Maßnahmen wie:

  • Kleinere, dafür häufiger Mahlzeiten – möglichst mit viel Ruhe und langsam essen
  • Mehr ballaststoffreiche Nahrungsmittel, die die Magenentleerung und Verdauung verlangsamen
  • Verzicht aus Lebensmittel mit hohem glykämischen Index, z.B. zuckerhaltige Getränke, da diese besonders schnell im Verdauungstrakt aufgenommen werden
  • Höherer Getränkekonsum von Wasser oder ungesüßtem Kräutertee vor dem Essen (1 bis 2 Gläser)
  • Vermeiden von Alkohol zum Essen (Alkohol stört die Gefäßverengung)
  • Regelmäßiges Kreislauftraining, auch Gymnastik
  • Gezielte Bewegungsübungen vor dem Essen zur Stabilisierung des Blutdrucks ausprobieren
  • Anpassung des Einnahmezeitpunkts für blutdrucksenkende Medikamente (in Absprache mit dem Arzt)

Kündigen sich Schwindel und starke Benommenheit an, ist schnelle Hilfe nötig. Betroffene sollten sich so setzen, dass sie nicht gefährlich stürzen können. Falls möglich, ist es auch hilfreich, sich hinzulegen und die Beine so auf einen niedrigen Stuhl zu lagern, dass sie sich etwa 30 Zentimeter über Herzhöhe befinden. Kommt es zu einer Ohnmacht, sollte ein Notarzt gerufen werden, da eine Bewusstlosigkeit nicht unbedingt mit der postprandialen Hypotonie zusammenhängen muss.

Was ist der glykämische Index?

Der glykämische Index (GI) wurde bereits in den 80er Jahren entwickelt. Er unterscheidet kohlenhydrathaltige Lebensmittel nach ihrer Wirksamkeit auf den Blutzuckerspiegel und wird in Prozent angegeben. Zu seiner Ermittlung werden Dauer und Höhe des Blutzuckeranstieges nach Verzehr von 50 Gramm Kohlenhydraten aus einem Lebensmittel gemessen. Als Referenzwert gilt der Blutzuckeranstieg nach Aufnahme von 50 Gramm Glukose, der gleich 100 Prozent gesetzt wird. Kohlenhydrathaltige Lebensmittel, die einen schnellen und/oder hohen Blutzuckeranstieg auslösen, haben danach einen hohen GI.

Um auch die Menge des verzehrten Lebensmittels mit zu berücksichtigen, wurde inzwischen der Begriff „glykämische Last“ (GL) zusätzlich eingeführt. Er ist definiert als das Produkt aus dem GI (%) eines Lebensmittels und der Kohlenhydratmenge (g) der Portion. Bei Tabellenwerten basiert der GL auf einer festgelegten Standardportion.

Experte

Prof. Dr. med. Hans Hauner
Portrait von Prof. Hans Hauner

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1 Kommentar

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kölling klaus Berlin

Ein sehr interessanter Artikel, der für mich als betroffener Patient neue Erkenntnisse gebracht hat.