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Mikrovaskuläre Dysfunktion: So lässt sich die Erkrankung erkennen

Hinter Herzbeschwerden kann eine Fehlfunktion der kleinen Blutgefäße im Herzmuskel stecken.

Sie haben bei Belastung Beschwerden in der Herzgegend? Oder Sie haben in der Ruhe unvermittelt immer wieder einen Druck in der Brust? Dann denkt Ihr Arzt oder Ihre Ärztin sicher als erstes an die weit verbreitete koronare Herzkrankheit (KHK). Doch was, wenn sich das nicht bestätigt? Dann könnte die koronare mikrovaskuläre Dysfunktion schuld an Ihren Beschwerden sein. Sie wird häufig nach dem Beschwerdebild und seiner Ursache als mikrovaskuläre Angina pectoris bezeichnet

Was ist eine koronare mikrovaskuläre Dysfunktion? 

Hinter dem komplizierten Begriff steckt eine Fehlfunktion der kleinen Blutgefäße im Herzmuskel. Diese kleinen Adern haben einen Durchmesser von circa einem halben Millimeter und weniger. Dennoch tragen sie eine große Verantwortung: Sie verteilen das sauerstoffreiche Blut gleichmäßig im Herzmuskel. Bei der koronaren mikrovaskulären Dysfunktion erweitern sich die kleinen Adern nicht mehr so wie sie es müssten, wenn der Herzmuskel bei körperlicher Anstrengung mehr Sauerstoff benötigt. Oder sie verkrampfen sich ohne erkennbaren Auslöser. Die Folge: Eine Unterversorgung des Herzmuskels.

Welche Beschwerden verursacht die mikrovaskuläre Dysfunktion

Die koronare mikrovaskuläre Dysfunktion (KMD) hat eine Tücke: Ihre Symptome unterscheiden sich sehr häufig nicht von denen der viel bekannteren koronaren Herzkrankheit (KHK). Bei beiden Erkrankungen entstehen bei körperlicher Belastung häufig Atemnot oder Schmerzen in der Herzgegend, die nach der Belastung zügig wieder abklingen. In manchen Fällen lässt sich eine koronare mikrovaskuläre Dysfunktion erahnen, weil die Beschwerden beispielsweise nach einer Anstrengung lange anhalten oder zusätzlich auch in Ruhe auftreten. Manchmal steht auch eine verstärkte Atmung bei Belastung im Vordergrund. Allerdings sind dies nur vage Indizien. Deshalb gilt: Eine sicherere Erkennung ist nur durch bestimmte Untersuchungen möglich. 

Wenn Sie folgende Symptome haben, sollten Sie bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt nachfragen, ob eventuell eine koronare mikrovaskuläre Dysfunktion vorliegt:

  • Unter Anstrengung immer wieder Beschwerden in der Herzgegend (teilweise zusätzlich auch in Ruhe)
  • Vorliegende Hinweise auf eine mangelnde Durchblutung des Herzmuskels (z.B. von einem Belastungs-EKG)
  • Trotz Beschwerden keine ausgeprägten Engstellen in den Herzkranzgefäßen

So wird die mikrovaskuläre Dysfunktion diagnostiziert 

1. Belastungs-EKG

Wenn Sie mit den oben genannten Beschwerden zu Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin gehen, steht in der Regel zuerst der Verdacht auf eine koronare Herzkrankheit (KHK) im Raum. Die klassische Untersuchung, um eine KHK festzustellen, ist das Belastungs-EKG. Dabei lassen sich Signale einer Unterversorgung des Herzmuskels erkennen. Zeigen sich diese Signale tatsächlich, ist der nächste Schritt häufig eine Herzkatheter-Untersuchung. 

2. Mikrovaskuläre Dysfunktion mit Test erkennen

Bei einer Herzkatheter-Untersuchung lässt sich erkennen, ob eine koronare mikrovaskuläre Dysfunktion vorliegt. Die Unfähigkeit der kleinen Gefäße, sich angemessen zu erweitern, wird über eine Blutflussmessung in Ruhe und nach Gabe von Adenosin, einem erweiternden Botenstoff für die kleinen Gefäße, diagnostiziert. Dazu bringt man einen sehr dünnen Katheter (sog. Doppler-Katheter oder sog. Thermodilutionskatheter) über einen weichen Draht in das Herzkranzgefäß ein und macht dann die Messungen. Nimmt der Blutfluss um weniger als das Doppelte unter Adenosin zu, spricht man von einer koronaren mikrovaskulären Dysfunktion. Dann wird geschaut, ob die kleinen Gefäße eine unangemessene Verkrampfungsneigung aufweisen. Dafür wird der Botenstoff Acetylcholin über den dünnen Schlauch zur Darstellung der Herzkranzgefäße in die Herzkranzgefäße gegeben. Im Fall einer koronaren mikrovaskulären Dysfunktion verengen sich dann die kleinen Blutgefäße des Herzmuskels oft, anstatt sich wie bei Gesunden zu erweitern. Treten während dieses Tests im EKG typische Zeichen einer Mangeldurchblutung auf und spüren die Patientinnen und Patienten gleichzeitig Herzbeschwerden, wie sie sie von vorherigen Anfällen kennen, lässt sich die Diagnose koronare mikrovaskulärer Spasmus stellen. Auch diese Spasmen gehören zum Spektrum der mikrovaskulären Dysfunktion.

Was ist Herzkatheter-Untersuchung ?

Bei dieser Untersuchung lassen sich die für die koronare Herzkrankheit typischen Engstellen in den Herzkranzgefäßen sichtbar machen und auch behandeln. Für diese Untersuchung wird von der Leiste oder vom Handgelenk durch ein Blutgefäß (Arterie) ein dünner Schlauch zum Herz geschoben. Über diesen Schlauch wird ein Röntgenkontrastmittel in die Herzkranzgefäße gegeben. Auf einem Röntgenschirm lässt sich verfolgen, ob das Kontrastmittel überall ungestört weiterfließt oder ob irgendwo Engstellen (Stenosen) vorhanden sind. 

Indirekte Verfahren

Eine KMD kann auch ohne Herzkatheteruntersuchung diagnostiziert werden – nämlich durch indirekte Verfahren. Ein unauffälliger Befund einer Koronarcomputertomographie (Koronar-CT) zusammen mit einem unauffälligen Ergebnis der Stressechokardiographie zeigt, dass in den Herzkranzgefäßen trotz der Beschwerden und des auffälligen Belastungs-EKGs keine Engstellen vorliegen. Wenn dann in einer Stress-MRT oder einer PET (Positronenemissionstomographie) eine Minderdurchblutung des Herzmuskels nachzuweisen ist, kann daraus geschlossen werden, dass eine koronare mikrovaskuläre Dysfunktion vorliegt. Die hierdurch verursachten Beschwerden bezeichnet man als mikrovaskuläre Angina.

Diagnose und nun? Therapien gegen die mikrovaskuläre Dysfunktion

Oberstes Ziel der Behandlung einer mikrovaskulären Dysfunktion ist es, die Beschwerden der Patientinnen und Patienten zu lindern. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) empfiehlt die Gabe von Acetylsalicylsäure (ASS) und einem Cholesterinsenker (Statin). Die Symptome können mit Betablockern oder Calciumantagonisten gelindert werden. Darüber hinaus kann die Therapie mit ACE-Hemmern oder Nitraten versucht werden. Sollte sich keine befriedigende Besserung einstellen, kommen als Medikamente der zweiten Wahl Nicorandil oder auch Ranolazin in Frage. Oft braucht es aber mehrere Versuche, bis eine Kombination von Medikamenten die Beschwerden lindert. Studien haben gezeigt, dass etwa 40 % der Patientinnen und Patienten trotz Behandlung mit Medikamenten nach fünf Jahren weiterhin Probleme haben. Aktuelle Forschungsprojekte versuchen, die Mechanismen der Erkrankung genauer zu identifizieren, um eine gezieltere Behandlung zu ermöglichen.  

Experte

Prof. Dr. med. Udo Sechtem
Prof. Sechtem

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  1. Wie erkennen Ärztinnen und Ärzte eine koronare Herzkrankheit? Nach welchen Symptomen fragen sie? Und welche Möglichkeiten zur Diagnose gibt es?
  2. Alle Fakten zur KHK-Therapie, etwa Medikamente, Stents oder Bypass-Operationen, finden Sie hier.
  3. Woran erkennt man die KHK? Wie kann man sich schützen? Diese und viele weitere Fragen beantwortet die Broschüre "Herz in Gefahr " der Herzstiftung.

4 Kommentare

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Sabine S. Wald-Michelbach

Danke für diesen Artikel. Ich selbst leide an Angina pectoris und bin KHK Patientin (64Jahre alt) litt von 2007 bis 2013 an vorhofflimmern 2013 Ablation. Danach 1,5 Jahre Ruhe und nun wieder das gleiche Spiel. Atemnot, Schwindel, flattern im Hals , Brustenge, Herzrhythmusstörungen. Kardiologe, Hausarzt, o. B. Ich war am Ende, glaubte ich werde nicht ernst genommen. Danke, ich werde diesen Artikel mit nehmen zu meiner ersten Rhythmussprechstunde.

Jürgen S. Schwäbisch Hall

Das ist ein sehr interessanter und informativer Beitrag. Von der mikrovaskulären Dysfunktion habe ich vorher noch nie gehört

Dorothea Z. Bad Doberan

Vielen Dank, dass ich immer wieder Ihre kompetenten , aber auch sehr interessanten, Artikel lesen darf. Machen sie bitte weiter so.

Wilhelm L. Kriegsfeld

Wie ich es von der Deutschen Herzstiftung gewohnt bin leicht verständlich auch für den Laien