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Vorhofflimmern kann Schlaganfall auslösen

Senioren und Menschen mit Bluthochdruck sollten regelmäßig Puls und Blutdruck messen.

Aktualisiert: 08.06.2021

Arzt misst Puls
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Vorhofflimmern erhöht das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. In Deutschland ist diese Herzrhythmusstörung jährlich für mindestens 20 Prozent aller Schlaganfälle verantwortlich. Vorhofflimmern kommt bei Personen ab dem 65. Lebensalter und bei Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck (Hypertonie) gehäuft vor. Daher sollten diese Personen regelmäßig ihren Blutdruck und Puls messen.

Was ist Vorhofflimmern?

Rund 1,8 Million Menschen in Deutschland haben Vorhofflimmern. Eine Rhythmusstörung, die - so ähnlich der Name auch klingt - unbedingt vom Kammerflimmern zu unterscheiden ist. Beim Kammerflimmern schlägt das Herz völlig chaotisch mit mehr als 350 Schlägen pro Minute, weil die großen Herzkammern flimmern (fibrillieren). Die Folge ist sofortiges Versagen der gesamten Herzleistung. Das Herz hört auf zu pumpen, der Blutdruck sinkt auf „Null“, Betroffene brechen bewusstlos zusammen und versterben, wenn sie nicht sofort wiederbelebt werden. Beim Vorhofflimmern fibrillieren nur die Vorhöfe – das heißt, sie zucken unregelmäßig, rasch und unkoordiniert. Vorhofflimmern wird durch elektrische Fehlreize ausgelöst. Ihr Ursprung liegt meist in den Lungenvenen, die in den linken Vorhof münden. In der Regel stellt das Vorhofflimmern keine akute Gefahr dar. Wird es nicht behandelt, kann es jedoch zu schwerwiegenden Folgen und einem hohen Leidensdruck bei den Betroffenen kommen.

Was macht Vorhofflimmern so gefährlich?

Neben Beschwerden wie Luftnot, Belastungseinschränkung, Angina pectoris, Herzstolpern und Herzrasen besteht ein Risiko für einen Schlaganfall. Dieses Risiko steigt mit dem Lebensalter und mit zusätzlichen Erkrankungen (z.B. Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzschwäche, Diabetes) oder bei Übergewicht.

Warum kann Vorhofflimmern zum Schlaganfall führen?

Wenn sich die Vorhöfe nicht mehr geordnet zusammenziehen, sondern flimmern, sinkt auch der Blutfluss in den Vorhöfen. Dadurch kann das Blut leichter gerinnen. Es kann ein Thrombus (Blutpfropf) entstehen, der in den Blutkreislauf gespült wird und vorwiegend in die Gehirngefäße gelangt. Da die Blutgefäße immer kleiner werden, je größer die Entfernung zum Herzen ist, bleibt der Thrombus irgendwann im Gefäß stecken und verstopft es (Embolie). Dadurch kommt es zu einer abrupten Unterbrechung des Blutflusses – zum Beispiel in Teilen des Gehirns. Man spricht dann von einem Schlaganfall. Wenn der Blutfluss nicht schnellstmöglich wieder hergestellt wird, sterben Gehirnzellen ab. Folgen können Ausfälle von Gehirnfunktionen sein – beispielsweise Lähmungserscheinungen, Sprach- oder Sehstörungen. Bei zügiger Behandlung können sich diese Symptome manchmal wieder zurückbilden. In anderen Fällen bleiben sie dauerhaft bestehen. Ein schwerer Schlaganfall kann tödlich sein.

Was passiert bei einer Embolie?

Embolien nennt man Verschlüsse eines Gefäßes durch eingeschwemmtes Material – auch Thrombus oder Blutgerinnsel genannt. Embolien können im gesamten Blutgefäß-System entstehen. Abhängig davon, wo es zum akuten Gefäßverschluss kommt, können verschiedene Organe betroffen sein. Man muss arterielle und venöse Embolien voneinander unterscheiden:

Eine arterielle Embolie hat ihren Ausgangspunkt meist im linken Vorhof des Herzens. Von dort gelangt der Thrombus direkt in die Hirnarterien – es kommt zu einem Schlaganfall.

Bei einer venösen Embolie entsteht das Blutgerinnsel in einer Körpervene – am häufigsten sind die Bein- oder Beckenvenen betroffen. Das Blut transportiert den Thrombus dann bis in die Lunge, was eine Lungenembolie zur Folge hat.  

Risiken kennen – Schlaganfall vorbeugen

Embolien, die durch Vorhofflimmern verursacht wurden, verlaufen häufig besonders schwer und gehen mit einer höheren Sterblichkeit einher. Menschen mit Vorhofflimmern, die bereits einen Schlaganfall hatten, sind zudem besonders gefährdet, einen weiteren Schlaganfall zu erleiden. Daher spielt die Vorbeugung hier eine besonders große Rolle.

Risikofaktoren erkennen und ernstnehmen

Nahezu alle Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern sollten zur Vorbeugung eines Schlaganfalls Medikamente nehmen, die die Gerinnbarkeit des Blutes herabsetzen, betont Prof. Dr. med. Thomas Meinertz, Kardiologe und Pharmakologe sowie Wissenschaftlicher Beirat der Herzstiftung. In der Fachsprache wird diese Form der Vorbeugung Antikoagulation genannt – umgangssprachlich ist von Blutverdünnern die Rede. Doch nicht nur Medikamente spielen eine Rolle in der Verhinderung von Schlaganfällen: Wichtig ist auch das Erkennen von persönlichen Risikofaktoren. Um diese möglichst konkret ermitteln zu können, nutzen Ärztinnen und Ärzte den sogenannten CHA2DS2-VASc-Score. Hinter dem komplizierten Begriff verbirgt sich eine Reihe von Schlaganfallrisiken wie Diabetes, fortgeschrittenes Alter und Bluthochdruck, deren Vorkommen mit Punkten beurteilt wird. Diese feine Differenzierung ermöglicht eine individuell zugeschnittene Prophylaxe. Je mehr Punkte, desto höher das Risiko – und desto dringlicher ist die vorbeugende Gabe von gerinnungshemmenden Medikamenten. 

Welche Medikamente kommen vorbeugend zum Einsatz?

Seit vielen Jahren werden zur Schlaganfall-Vorbeugung gerinnungshemmende Medikamente der Wirkstoffgruppe der Cumarine (z.B. Marcumar oder Falithrom) verwendet. Sie sind Gegenspieler des Vitamin K – einem wichtigen Baustein für die Blutgerinnung – und werden deshalb Vitamin-K-Antagonisten genannt. Der Vorteil dieser Wirkstoffe ist, dass sie gut erforscht und effektiv sind. Allerdings ist ihre Wirkungsstärke in kurzen zeitlichen Abständen kontrollbedürftig. Alle zwei Wochen muss überprüft werden, ob der angestrebte Laborzielwert der Gerinnung erreicht wird. Das geschieht, indem der sogenannte INR (International Normalized Ratio) bestimmt wird. Dieser Wert gibt den Faktor an, um den die Gerinnungszeit des Blutes gegenüber dem Normalwert verlängert ist. Diese Kontrolle kann der Hausarzt durchführen – bei einer langfristigen Medikamentengabe ist es jedoch empfehlenswert, wenn Patientinnen und Patienten ihren INR-Wert selbst messen und auch die Dosierung selbstständig festlegen können. „Unter diesen Umständen sind auch kürzere Kontrollabstände möglich“, betont Prof. Meinertz.

Andere Medikamente bilden seit einiger Zeit eine Alternative zu den klassischen Wirkstoffen – die sogenannten DOAKs (Direkte Orale Antikoagulantien). Sie sind bei richtiger Einstellung ebenso gut wirksam wie die klassischen Medikamente. Ihr Vorteil: Die regelmäßige Kontrolle der Gerinnungswerte fällt weg. 

Welches Medikament für Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern das bessere ist, wird im Einzelfall entschieden. Ob alter oder neuer Wirkstoff: „Ganz wichtig bei der vorbeugenden Behandlung mit Gerinnungshemmern ist immer, dass Patientinnen und Patienten ihre Medikamente regelmäßig einnehmen“, betont Kardiologe Meinertz, „dazu gehört auch, die Medikamente nicht eigenmächtig abzusetzen“, so der Herzspezialist.

Abbildung vom Puls messen an Handgelenk
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Eigeninitiative gefragt! Das können Sie selbst tun

Neben der Gabe von Medikamenten können Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern auch selbst einiges tun, um einem Schlaganfall vorzubeugen – vor allem durch eine ausgewogene Ernährung und ein gesundes Maß an Bewegung. Rauchen, übermäßigen Alkoholkonsum, Schlafmangel und Stress sollten Betroffene hingegen vermeiden. „Diese Form der Selbstfürsorge spielt bei der Schlaganfall-Prävention eine große Rolle“, sagt Meinertz.

Tückisch ist, dass nicht alle Betroffenen wissen, dass sie an Vorhofflimmern leiden. Denn manchmal tritt diese Herzrhythmusstörung auch ohne größere Symptome auf. Einige Menschen nehmen Beschwerden wie gelegentliches Herzstolpern oder Herzrasen zunächst nicht ernst.

Die Herzstiftung empfiehlt allen Männern und Frauen ab dem
65. Lebensjahr sowie Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck eine regelmäßige Pulsmessung. „Die Pulsmessung kann jeder erlernen und durchführen“, betont Meinertz.

Hier erklärt der Herzspezialist, wie es funktioniert:

  • Setzen Sie sich zunächst fünf Minuten ruhig hin.
  • Ertasten Sie nun mit Zeige- und Mittelfinger an der Innenseite des Handgelenks unterhalb des Daumens den Puls.
  • Zählen Sie 30 Sekunden lang die Schläge und verdoppeln Sie das Ergebnis.
  • Ergibt Ihre Messung in Ruhe mehr als 100 Schläge pro Minute, sollten Sie den Herzrhythmus abklären lassen.   

Regelmäßiges Blutdruckmessen ist sinnvoll

Darüber hinaus ist es empfehlenswert, sich ein Blutdruckmessgerät mit Arrhythmieerkennung für den Hausgebrauch anzuschaffen. Diese Geräte zeigen zusätzlich zu den Blutdruckwerten die Herzfrequenz an. In der Regel erscheint ein Warnsignal, wenn der Puls unregelmäßig ist. Durch regelmäßiges Messen lässt sich so ein unregelmäßiger Herzschlag erkennen. Der Hamburger Kardiologe und ehemalige Vorsitzende der Herzstiftung rät: „Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck oder ab einem Alter von 65 Jahren sollten ein bis zweimal pro Tag den Blutdruck messen oder ihren Puls fühlen.“ Wichtig sei allerdings zu wissen, dass Unregelmäßigkeiten nicht sofort auf Vorhofflimmern schließen lassen. Professor Thomas Meinertz: „Um eine Diagnose zu stellen, sollte ein Internist oder Kardiologe den Herzrhythmus durch ein EKG überprüfen.“

Experte

Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
Portrait von Prof. Thomas Meinertz

Mehr erfahren

  1. Nur jeder zweite Betroffene spürt Symptome. Eine Behandlung ist wichtig, um das Schlaganfallrisiko zu senken.
  2. Welche Behandlungen sind bei Vorhofflimmern tatsächlich zu empfehlen? Wer ist gefährdet? Das und vieles mehr beantwortet der Herzstiftungs-Ratgeber.
  3. Der Schlaganfall als Folge von Herzkrankheiten: Ursachen, Vorbeugung und Warnzeichen

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