Bei erhöhten Cholesterinwerten – vor allem bei hohen LDL-Werten – , sind Statine nach wie vor die Therapie der ersten Wahl. Begleitet werden soll die medikamentöse Therapie stets auch durch bessere Ernährungsgewohnheiten und weitere Lebensstilmaßnahmen wie ein Verzicht aufs Rauchen. Ziel ist es, so den Prozess zunehmender Ablagerungen (Atherosklerose) in den Blutgefäßen zu stoppen und damit einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorzubeugen. Das ist umso wichtiger, je mehr weitere Risikofaktoren wie etwa Bluthochdruck vorliegt oder bereits ein erster Herzinfarkt vorgelegen hat. Hartnäckig hält sich allerdings eine verbreitete Skepsis gegenüber Statinen. Gerne werden Alternativen bevorzugt von Haferkuren bis hin zu Roter Reis. Auch die Einnahme von Omega-3- und 6-Fettsäuren soll sich positiv vor allem auf die entzündungsgetriggerten Ablagerungsvorgänge in den Gefäßen auswirken. Hier ein Faktencheck durch unseren Experten.
Die Sprechstundenfrage im Wortlaut
Ich hatte vor zwei Jahren einen kleinen Hinterwandinfarkt, der nur zufällig entdeckt wurde und von dem ich mich auch sehr gut erholt habe. Da jedoch in meinen Herzgefäßen Zeichen von Atherosklerose im CT nachgewiesen wurde und ich LDL-Werte von 135 mg/dl habe, hat mir der Arzt die Einnahme von Atorvastatin 40 mg plus Ezetimib verordnet. Das behagt mir allerdings nicht sehr. Ich habe das Gefühl, dass meine Oberschenkelmuskulatur zunehmend schmerzt. Außerdem habe ich gelesen, dass Statine das Risiko von Diabetes erhöhen und auch das Risiko für eine Demenz. Nun habe ich vor Kurzem im Internet einen Artikel gefunden, wonach es bei den Ablagerungsprozessen vor allem darum geht, die damit verbundene Entzündung in den Gefäßen zu bekämpfen. Und dabei sollen Präparate mit Omega-3- und 6-Fettsäuren sich als mindestens genauso wirksam wie Statine erwiesen haben. Das beschriebene Wirkprinzip erscheint mir einleuchtend. Und wenn ich so auf die Statineinnahme verzichten könnte, wäre ich sehr froh. Gerne möchte ich dazu allerdings noch eine Fachmeinung hören. Ich wäre daher über eine Einordnung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse von einem Experten der Herzstiftung dankbar. (Peter T. (63 J.), Potsdam)
Antwort des Experten
Als erstes: Es ist gut, dass Sie den Erklärungen aus dem Internet, die zunächst oft sehr verständlich daherkommen, nicht blind vertrauen, sondern sich noch einen Expertenrat holen. Daher zunächst ein paar Bemerkungen zu den „Risiken“ einer Statineinnahme:
- Statine können in seltenen Fällen Muskelschmerzen verursachen. Das ist nach aktuellen Studiendaten allerdings viel seltener als allgemein angenommen wird. In 9 von 10 berichteten Fällen liegen die Ursachen für die Beschwerden nicht bei den Statinen. Um sicherzugehen, dass das Statin auch wirklich nicht die Ursache ist, lasse ich meine Patienten, die über Muskelschmerzen klagen, in der Regel die Einnahme für circa vier Wochen pausieren. Oft ändert sich dann aber nichts an der Symptomatik, sodass wir das Statin als Ursache gut ausschließen können.
- Aus Studien gibt es Hinweise, dass bei einigen Patienten, bei denen der Glukosestoffwechsel ohnehin bereits gestört war (sog. Prädiabetes) das HbA1c, der Blutzuckerlangzeitwert, leicht erhöht wird. Gerade diese Personen profitieren allerdings besonders von Statinen durch Reduktion ihres erhöhten Risikos für Herz- und Gefäßkrankheiten.
- Auch wenn Sie vielleicht im Beipackzettel unter den gelegentlichen Nebenwirkungen „Gedächtnisverlust“ lesen, kann ich Sie beruhigen: Statine gehören zu den am besten untersuchten Medikamenten. In einer großen Studie aus dem Jahr 2026 konnte erneut bestätigt werden, dass die Einnahme von Statinen nicht mit einem kognitiven Abbau oder einer späteren Demenz verbunden ist (1). Im Gegenteil: Die Cholesterinsenkung mit Statinen hält die Gefäße gesund. Dies zahlt sich im Alter insbesondere im Gehirn aus. Zum einen ist das Risiko für Demenz bei gesunden Gefäßen ohne Ablagerungen kleiner und zum anderen verlaufen auch demenzielle Syndrome ohne Verkalkung besser.
Atherosklerose: ein Entzündungsprozess?
Lange Zeit wurde Atherosklerose („Gefäßverkalkung“) als reine Ablagerung vor allem von Cholesterin in den Gefäßwänden betrachtet. Mittlerweile ist klar, dass Atherosklerose auch eine chronische Entzündung der Gefäße ist. Die Cholesterinablagerungen (Plaques) in den Arterien lösen offenbar Abwehrreaktionen des Immunsystems aus, bei denen entzündliche Botenstoffe freigesetzt werden. Dies führt dann zu chronisch-leichten Entzündungen in der Gefäßwand, die die Plaquebildung vorantreiben und die Plaques „weich“ und instabil machen können. Instabile Plaques neigen eher zu Einrissen (Plaqueruptur) – dabei tritt das Plaque-Inhaltsmaterial in die Blutbahn über und es bildet sich ein Blutgerinnsel, das Gefäße verstopfen kann (Herzinfarkt, Schlaganfall).
Klinisch lassen sich diese Entzündungsprozesse beispielsweise im Blut durch Marker wie das C-reaktive Protein (CRP) nachweisen: Erhöhte CRP-Werte weisen auf systemische Entzündungsaktivität hin und sind mit einem höheren Herz-Kreislauf-Risiko assoziiert. In der CANTOS-Studie (2017) konnte zum Beispiel belegt werden, dass die gezielte Blockade eines entzündlichen Botenstoffs (Interleukin-1β) mithilfe eines speziellen Antikörpers (Canakinumab) die Herzinfarkt-Rate deutlich senkt, obwohl der LDL-Cholesterinspiegel unverändert blieb. Dies bestätigt die wichtige Rolle der Gefäßentzündung in der Atherosklerose und ebnet möglicherweise den Weg für neue Therapieansätze in der Zukunft. Das heißt aber nicht, dass das Verringern von zu viel LDL im Blut nicht weiterhin ein wichtiges Therapieziel ist. Denn ohne LDL (am falschen Ort – nämlich in Blut und Gefäßwand) gibt es erst gar keine Ablagerungen.
Statine wirken antientzündlich
In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu wissen: Statine wirken nicht nur cholesterinsenkend durch Hemmung des Enzyms HMG-CoA-Reduktase, das eine wichtige Rolle in der Cholesterinbiosynthese spielt. Sie haben darüber hinaus nachweislich ebenso entzündungshemmende Wirkungen, was mit dazu beiträgt, die gefährlichen Ablagerungen (Plaque) zu stabilisieren. Unter Statintherapie sinken zum Beispiel oft die Entzündungswerte im Blut (CRP-Wert). Zudem wurde nachgewiesen, dass Statine die entzündungsfördernde Wirkung bestimmter Proteine verringern.
In Summe reduzieren Statine also nicht nur das Cholesterin im Blut, sondern auch chronische Entzündungsaktivitäten in den Arterien. Diese zusätzlichen Effekte leisten vermutlich einen wichtigen Beitrag zum nachgewiesenen hohen Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall, den Statine gerade bei Risikopatienten bieten, die bereits einen Herzinfarkt hatten und bei denen Ablagerungen nachgewiesen wurden.
Welchen Nutzen haben Omega‑3- und Omega‑6-Fettsäuren?
Omega-3-Fettsäuren (mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann) sind wichtig für Herz, Gehirn, Augen und entzündungshemmende Prozesse im Körper. Sie kommen in fettem Fisch (z. B. Eicosapentaensäure/EPA und Docosahexaensäure/DHA) oder in Lein- und Rapsöl (als Alpha-Linolensäure/ALA) vor. Eine wirklich belastbare Studie, die einen entzündungshemmenden Effekt und Nutzen für Herz und Gefäße belegt, gibt es derzeit nicht. Aus Beobachtungsstudien gibt es zwar Hinweise, dass Menschen, die regelmäßig Omega-3-reiche Lebensmittel essen, seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Das kann jedoch auch Ausdruck einer insgesamt gesunden Ernährungsweise sein
Insgesamt ist eine Ernährungsweise nach mediterranem Vorbild empfehlenswert. Diese enthält in der Regel auch ausreichend natürliche Omega‑3-Fettsäuren (z. B. durch 1–2 Fischmahlzeiten/Woche und Verwendung von Pflanzenölen wie Raps-, Lein- und Walnussöl zusätzlich zu gutem Olivenöl). Omega‑6-Fettsäuren (z. B. Linolsäure in Sonnenblumen- oder Maiskeimöl) sind zwar ebenfalls lebensnotwendig. Sie können im Überschuss allerdings sogar proentzündliche Signalstoffe produzieren. Daher die genannten Öle möglichst wenig verwenden. Dabei darf man keine falschen Erwartungen haben: eine Mittelmeerkost führt nicht zu einer Absenkung des Cholesterinppiegels.
Die Einnahme von Supplementen mit Omega-3-Fettsäuren (ebenso Omega-6-Fettsäuren) ist hingegen kritisch zu sehen. Der häufig in der Werbung propagierte Schutz von Herzinfarkt und Schlaganfall ist wissenschaftlich nicht belegt, die Wirkung auf LDL-Cholesterin ist marginal. Eine Studie, in der der Effekt von sechs Nahrungsergänzungsmitteln gezielt auf den Cholesterin-senkenden Effekt hin überprüft wurde, kam zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass mit Fischöl-Kapseln mit Omega-3-Fettsäuren der LDL-Wert nur um etwas mehr als drei Prozent reduziert wird. Diese geringe Änderung liegt im Bereich der natürlichen Schwankungen. Zum Vergleich: Mit 5 mg des Statins Rosuvastatin erreicht man eine Absenkung um fast 38 Prozent.
Fazit:
Bei den Statinen handelt es sich um zugelassene Arzneimittel, für die es viele gut geprüfte Daten gibt – auch zu den Effekten je nach Dosierung. Bei Präparaten mit den genannten Fettsäuren handelt es sich um Nahrungsergänzungsmittel, für die es keine entsprechenden Daten gibt und die daher nicht zu empfehlen sind. Und gerade bei im Internet beworbenen Produkten ist doppelt Vorsicht angeraten, weil Qualität und Zusammensetzung oft nicht nachprüfbar sind.
- Assessment of adverse effects attributed to statin therapy in product labels: a meta-analysis of double-blind randomised controlled trials doi: 10.1016/S0140-6736(25)01578-8
Experte
Univ.-Prof. Dr. med. Ulrich Laufs ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Professur für Kardiologie an der Universität Leipzig und Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig.
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Hohes Cholesterin: Was tun?