Sprechstundenfrage

Nebenwirkungen bei homöopathischer Blutdruckbehandlung?

Kann die Einnahme homöopathischer Arzneimittel eigentlich ein Risiko darstellen? Kommt drauf an, lautet die Antwort.

Die Sprechstundenfrage im Wortlaut:

Seit etwa 20 Jahren leide ich unter hohem Blutdruck. Inzwischen bin ich 72 Jahre alt und nehme täglich drei verschiedene Blutdruckmittel: Ramipril, Nebivolol und Amlodipin. Durch Zufall habe ich von dem homöopathischen Blutdrucksenker Homviotensin erfahren, den man in Deutschland nicht bekommen kann. Ich habe ihn im Ausland gekauft und nehme seit zwei Monaten anstatt Nebivolol 1 Tablette davon. Meine anderen Medikamente habe ich beibehalten. Das Ergebnis der neuen Kombination ist, dass mein Blutdruck von 140/90 mmHg im Durchschnitt auf 120/80 mmHg gesunken ist. Aber ich mache mir Gedanken, ob damit auf Dauer stärkere Nebenwirkungen als mit meinen ursprünglichen Medikamenten auftreten könnten. (Hannelore S., Duderstadt)

Experten-Antwort:

Homviotensin hat in Deutschland 2010 die Zulassung verloren, wird aber über das Internet auch in Deutschland gehandelt. Homviotensin ist ein homöopathisches Arzneimittel, für das eine therapeutische Wirksamkeit durch wissenschaftliche Studien nicht nachgewiesen ist.

Auch bei anderen homöopathischen Arzneimitteln fehlt der wissenschaftliche Nachweis für eine Wirksamkeit, die über den Effekt eines Scheinmedikaments (Placebo) hinausgeht.

Allerdings sind in Homviotensin durchaus pharmakologisch wirksame Substanzen enthalten. So enthält eine Tablette Homviotensin die Menge von 32 mg Reserpinum (Wirkstoff Reserpin) in der Potenzstufe D3, also 0,032 mg. Reserpin kommt in Pflanzen aus der Gruppe der Schlangenwurzel (z. B. Rauvolfia serpentina) vor und wird seit Jahrzehnten als Wirkstoff gegen Bluthochdruck verwendet. (2015 nahmen laut dem Arzneiverordnungsreport etwa 17.000 Patienten täglich Briserin N ein, das neben einer wassertreibenden Substanz auch 0,1 mg Reserpin enthält.)

Allerdings wird Reserpin immer weniger verordnet, denn inzwischen gibt es wesentlich wirksamere und besser verträgliche Blutdruckmedikamente, denen vor allem die zentralnervösen Nebenwirkungen von Reserpin fehlen.

Achtung: Nebenwirkungen bei niedrigen Potenzstufen

Bei homöopathischen Arzneimitteln gilt, dass bei niedrigen Potenzstufen (bis etwa D6) eine unerwünschte Arzneimittelwirkung auftreten kann, weil in diesen Arzneimitteln noch nennenswerte Stoffmengen enthalten sind. Die in Homviotensin verwendete Verdünnung (D3) und die daraus zu errechnende Dosis von 0,032 mg kann also durchaus eine geringe Wirkung auf den Blutdruck haben. Dann muss man aber auch mit Nebenwirkungen rechnen. Dazu gehören das Risiko, vorbestehende Depressionen zu verstärken, Verengungen der Pupillen, Hängelider, Schwellungen der Nasenschleimhäute, Potenz- und Libidoverlust, Durchfall, Magen- und Darmgeschwüre, ein lagebedingter Blutdruckabfall und Parkinsonsymptome wie Muskelstarre, Bewegungslosigkeit, Muskelzittern und Haltungsinstabilität.

Wie das Verhältnis von Wirkungen und Nebenwirkungen genau ist, kann aufgrund fehlender Studien nicht beurteilt werden. Das ist ein wesentlicher Nachteil gegenüber den an Tausenden von Patienten unter kontrollierten Bedingungen untersuchten Standard-Blutdruckmedikamenten, zu denen Sie umfangreiche Informationen im Herzstiftungs-Sonderband zum Thema Bluthochdruck finden.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten beachten

Die gleichzeitige Anwendung von entwässernden Medikamenten (Diuretika) kann die Wirkung von Reserpin verstärken. Ebenso kann Reserpin die Wirkung anderer Blutdrucksenker steigern, wie dies zu Ihrer Beobachtung passt, dass Ihr Blutdruck gesunken ist, seit Sie Homviotensin in Kombination mit Ihren blutdrucksenkenden Medikamenten Ramipril und Amlodipin einnehmen. Zudem kann Reserpin die Wirkung von Digitalis und Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen (z. B. Chinidin) sowie die dämpfende Wirkung von Alkohol, Schmerzmitteln, antiallergischen Mitteln (Antihistaminika) und Psychopharmaka verstärken. Reserpin vermindert außerdem die Wirkung von Medikamenten gegen Parkinson (Levodopa).

Fazit:

Wie Sie sehen, ist Homviotensin also, anders als im Internet suggeriert, nicht unbedenklich, sodass wir Ihnen empfehlen, wieder Nebivolol anstelle von Homviotensin einzunehmen. Sollten Sie Nebivolol nicht gut vertragen oder Ihre gewünschten Blutdruckwerte nicht erreichen, existieren dazu Alternativen. Bitte besprechen Sie das mit Ihrem Arzt.

Experte

Privatdozent​​​​​​​ Dr. med. Felix Friedrich

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4 Kommentare

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Werner H. Bayern - Seeshaupt

Ich nehme sei 13 Jahren Homviotensin Tabletten 2 Stück am Tag. Blutdruck ist immer 70/120 und habe keinerlei Nebenwirkungen, früher war der Blutdruck 95/145

Johannes B. Bayern

Da wird geschrieben es fehlt der wissenschaftliche Nachweis, aber der Umstand, dass der Blutdruck des Fragenden tatsächlich in den Normalbereich gekommen ist, darauf wird nicht eingegangen. Trotzdem interessant dass in D6 noch Stoffe nachweisbar sind. Wissenschaft ist wichtig aber Nichtwissenschaft also was nicht erforscht ist, auch.

Jörg Köthen

Wenn ich mir die Nebenwirkungen durchlese, sind diese sogar geringer, als die der so hochgelobten Blutdrucksenker der neuesten Generation, also völlig akzeptabel.

A. W. München

Homviotensin nahm ich auf Empfehlung meines Hausarztes anfangs, bevor ich Amlodipin verschrieben bekam. Für meinen Blutdruck hat es mir nichts gebracht, außer dass ich oft schlecht gelaunt war. Ich habe es nach einer Weile wieder abgesetzt und mir stattdessen jeden Tag eine halbe Stunde zum Entspannen genommen. Amlodipin, geringe Dosis, nehme ich weiter. Da meine Schlafapnoe zwischenzeitlich mit einer CPAP Therapie so gut wie weg ist, hoffe ich langfristig auch auf Amlodipin verzichten zu können. Aber das wird sich zeigen... Übrigens, ich bin 56 und weiß seit ca. 5 Jahren von meinem erhöhten Blutdruck.