Stellungnahme

Herzklappenfehler: Das müssen Betroffene wissen

Prof. Dr. med. Thomas erklärt Meinertz,erklärt worauf es bei Herzklappenerkrankungen ankommt.

Herzklappenerkrankungen machen oft über lange Zeit keine Be­schwer­den und werden nur zufällig entdeckt. Dennoch sind sie immer ernst zu nehmen. Denn in aller Regel schreiten sie langsam fort und können un­be­han­delt nicht nur die Lebensqualität ver­min­dern, sondern auch das Leben ver­kür­zen. Im Interview erläutert Prof. Dr. med. Thomas Meinertz aus Hamburg, worauf es bei Herzklappenerkrankungen ankommt und was Patienten beachten sollten.

Wie entdeckt man einen Herzklappenfehler?

Prof. Meinertz: Oft durch Zufall, zum Beispiel bei Untersuchungen vor der Schulaufnahme, beim Eintritt in den Beruf oder bei einer Untersuchung beim Arzt. Klappenfehler führen zu typischen Herzgeräuschen. Allerdings ist die Kunst des Abhörens durch die Diagnoseverfahren mit Apparaten etwas in Vergessenheit geraten. Heute beherrscht diese Kunst meist nur noch der Fachmann, der Kardiologe oder der kardiologisch ausgebildete Internist. So wird der Herzfehler oft erst entdeckt, wenn der Patient wegen Beschwerden wie Einschränkung der Leistungsfähigkeit, Atemnot, Brustschmerz, schnellem Herzschlag bei Belastung, kurzen Bewusstlosigkeiten, Ödemen, den Arzt aufsucht.

Was kann man tun, um den Herzfehler früh genug aufzuspüren?

Prof. Meinertz: Es kommt darauf an, die eigene körperliche Leistungsfähigkeit kritisch im Auge zu behalten. Wenn die Leistungsfähigkeit deutlich abnimmt, sollte man das nicht, wie das üblicherweise geschieht, auf das Alter oder die Bronchien schieben, sondern zum Arzt gehen, damit die Ursache der Leistungsminderung gefunden wird.

Wie entstehen Herzklappenfehler?

Prof. Meinertz: Die Entstehung der Herzklappenfehler ist ganz unterschiedlich. Zum einen gibt es angeborene Herzklappenfehler, die schon im Säuglingsalter behandelt werden müssen (selten). Andere Herzklappenfehler haben in den Kinder- und Jugendjahren noch keine große Bedeutung, führen aber auf Dauer zu einer schweren Veränderung der Herzklappe. Wieder andere Herzklappenfehler entstehen durch akutes, rheumatisches Fieber, durch eine bakterielle Herzklappenentzündung oder als Folge einer Herzkrankheit, z. B. als Folge eines Infarkts. Im Vordergrund stehen heute bei der hohen Lebenserwartung Klappenfehler, die auf „Verschleiß” zurückzuführen sind. Die Klappen nutzen sich im Laufe eines langen Lebens ab. Dadurch können sie sich verengen oder schlussunfähig werden.

Was sind die häufigsten Herzklappenfehler?

Prof. Meinertz: Am häufigsten sind heutzutage in der westlichen Welt die Aortenklappenstenose im hohen Lebensalter und unabhängig vom Alter die Undichtigkeit der Mitralklappe (Mitralklappeninsuffizienz).

Kann man, wenn der Klappenfehler entdeckt ist, die weitere Entwicklung voraussehen?

Prof. Meinertz: Der Prozess schreitet in der Regel langsam fort. Allerdings: In manchen Fällen geht es viel schneller, in anderen bleibt der Defekt über viele Jahre stabil. Verlassen kann man sich darauf nicht. Deswegen sind – ist der Herzklappenfehler entdeckt – regelmäßige Kontrollen beim Kardiologen oder Internisten nötig, in der Regel jedes Jahr. Wenn Beschwerden neu oder heftiger auftreten, sollte man nicht bis zum Kontrolltermin warten, sondern gleich den Arzt aufsuchen.

Was erreichen Medikamente?

Prof. Meinertz: Da darf man sich keinen Illusionen hingeben. Sie bessern die Beschwerden und die Druck- und Flussverhältnisse des Bluts (Hämodynamik) im Herzen und im Blutkreislauf. Das kann indirekt das Fortschreiten des Defekts bremsen, aber Medikamente beseitigen nicht das eigentliche Problem, den Klappenfehler. Den Klappenfehler beseitigen kann nur der operative Eingriff.

Was für Möglichkeiten des Eingriffs gibt es?

Prof. Meinertz: Man kann die kranke Klappe wiederherstellen oder sie durch eine künstliche Klappe ersetzen. Die Wiederherstellung (Rekonstruktion) der Klappe ist ein entscheidender Fortschritt. Sie ist je nach Ursache bei der Mitralklappe in bis zu 80 % der Fälle möglich. Für den Patienten bringt das große Vorteile, weil er mit der rekonstruierten Klappe fast so gut wie mit einer natürlichen Klappe leben kann. Auch eine Trikuspidalklappe, die undicht ist, kann meistens wiederhergestellt werden. Bei der Undichtigkeit der Aortenklappe (Aortenklappeninsuffizienz) ist man noch nicht so weit. Hier kommt die Wiederherstellung der Klappe vor allem in Betracht, wenn die Undichtigkeit zusammen mit einem Aortenaneurysma, einer Ausweitung der Aorta, auftritt. Eine weitere Möglichkeit ist die Sprengung (Valvuloplastie) der Mitralklappenstenose. In den meisten anderen Fällen muss die Klappe ersetzt werden.

Wann sollte man sich für eine Operation entscheiden?

Prof. Meinertz: Heute sollte man den Zeitpunkt so wählen, dass eine dauerhafte Schädigung des Herzens und die damit verbundene Einschränkung der Lebenserwartung vermieden wird. Deshalb operiert man heute sehr viel früher, als das vor Jahren der Fall war – im Einzelfall auch dann, wenn der Patient seine Beschwerden als wenig oder gar nicht belastend empfindet oder sogar, wenn keine Beschwerden vorliegen.

Inwieweit kann die Klappenoperation die Leistungsfähigkeit wieder herstellen?

Prof. Meinertz: Wenn eine Mitralklappenrekonstruktion gelungen ist – und das ist heute in der Regel der Fall – ist man voll belastbar, selbst für sportliche Aktivitäten im Leistungssportbereich. Dagegen sind nach einem Klappenersatz die Strömungsverhältnisse im Herzen nicht so, dass man sich wieder maximal belasten kann. Jede Kunstklappe – biologisch oder mechanisch – ist weniger perfekt als die natürliche Klappe. Deshalb gilt: Sport, besonders Ausdauersport ist gut und führt zu einer besseren körperlichen Leistungsfähigkeit. Aber maximale sportliche Aktivität oder Leistungssport sind nach Klappenersatz nicht zu empfehlen.

Wie stark kann man sich nach einer Klappenoperation wieder belasten?

Prof. Meinertz: Nach einer gelungenen Klappenoperation kann sich der Patient erheblich belasten. Ausdauersport ist am besten: Laufen, Joggen, Radfahren, Wandern – auch Schwimmen. Die meisten Patienten sind zu wenig sportlich aktiv. Meist unterfordern sich die Patienten nach der Klappenoperation. Sie unterschätzen, wie sehr regelmäßige Bewegung und Sport ihre Leistungsfähigkeit und ihr Wohlbefinden erhöhen können.

Auf was ist nach der Operation zu achten?

Prof. Meinertz: Regelmäßige Kontrollen sind nötig: unmittelbar nach dem Eingriff häufiger, dann nach drei bzw. sechs Monaten, nach einem Jahr und dann in jährlichen Abständen. Die Patienten mit einer mechanischen Herzklappe müssen dauerhaft Medikamente zur Gerinnungshemmung einnehmen (z. B. Marcumar / Falithrom). Ebenso benötigen sie bei fieberhaften bakteriellen Infekten oder bei bestimmten Eingriffen eine Endokarditis-Prophylaxe, um eine Entzündung der Klappe zu vermeiden. Die Endokarditis-Prophylaxe ist auch notwendig, wenn eine biologische Klappe eingesetzt wurde. Diese Patienten dürfen nie vergessen, dass sie eine Klappenoperation hinter sich haben.

Und der Lebensstil?

Prof. Meinertz: Ein gesunder Lebensstil ist für jeden wichtig: Nicht rauchen, gesunde Ernährung, kein Übergewicht, regelmäßige Bewegung, d. h. Ausdauerbelastung. Das gilt immer, aber besonders für jemanden, der eine Klappenerkrankung oder einen Klappenersatz hat.

Was ist von der Forschung in Zukunft zu erwarten?

Prof. Meinertz: Den medizinischen Fortschritt kann man nicht voraussagen. Verfahren, Herzklappen statt mit einer Operation mit Kathetertechnik ins Herz einzubringen, sind bei Patienten mit sehr hohem Operationsrisiko bereits erfolgreich praktiziert worden. Ob dieser Weg nicht nur für die Aortenklappe, sondern auch für andere Herzklappen erfolgversprechend ist, wird zur Zeit wissenschaftlich untersucht. Außerdem gibt es neue Verfahren, Bioprothesen haltbarer zu machen. Ob diese Verfahren oder ob die Züchtung von Herzklappen aus körpereigenen Zellen oder die Entwicklung neuer gerinnungshemmender Medikamente einen Durchbruch bringen, wissen wir nicht. Neue Wege können auch Holzwege sein. Eines ist sicher: Die intensive Forschung auf diesen Gebieten wird zur Folge haben, dass Klappenpatienten in Zukunft noch besser behandelt werden können, als es heute schon möglich ist.

Interview: Irene Oswalt

Experte

Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
Portrait von Prof. Thomas Meinertz