Sprechstundenfrage

Armbanduhr – Als Herzpatient eine Smartwatch mit EKG-Funktion kaufen?

Smartwatches sind immer besser für die Gesundheit nutzbar. Mit einigen Modellen kann sich nun z. B. jeder selbst ein EKG anfertigen.

Millionenfach verkauft und kinderleicht zu bedienen – Smartwatches sind für viele zu einem ganz normalen Alltagsgegenstand geworden. Meist handelt es sich allerdings nur noch am Rande um eine Uhr. Eigentlich sind es vielmehr Minicomputer, die im Armbanduhren-Stil angeboten werden und darüber hinaus auch immer besser für die Gesundheit nutzbar sind. Mit einigen Modellen kann sich nun z. B. jeder selbst ein EKG anfertigen. Welche Infos Sie damit über Ihr Herz erhalten und für wen eine EKG-Smartwatch aus medizinischer Sicht empfehlenswert sein kann, erläutert Herzstiftungs-Chefredakteur Prof. Dr. med. Thomas Meinertz in der folgenden Sprechstunde.

Die Sprechstunden-Frage:

Es würde mich interessieren, was Sie zur EKG-Messung mit der Apple Watch sagen. Funktioniert das? Einen Arztbesuch kann so ein Gerät ja sicher nicht ersetzen, aber vielleicht den ein oder anderen dazu motivieren. (Alexander M., Lindau)

Die Experten-Antwort: 

Hintergrund-Info: Im September 2018 wurde die Apple Watch 4 vorgestellt, die eine EKG-App enthält. Die FDA, die amerikanische Behörde für Medizinprodukte, hat die Funktion zugelassen. Bislang war die App nur in den USA freigeschaltet; seit Ende März ist die EKG-Funktion der Smartwatch auch in Deutschland und 18 weiteren europäischen Ländern verfügbar.

Vorneweg möchte ich Ihnen sagen, dass sich mit der Uhr ein Elektrokardiogramm erstellen lässt, das zwar schlicht ist, aber Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern erkennen kann. Dafür berührt man einfach den seitlichen Sensor der angelegten Smartwatch mit einem beliebigen Finger der anderen Hand und startet die Aufzeichnung. Dass dies grundsätzlich funktioniert, kann ich bestätigen – ich habe es selbst ausprobiert.

Was sagen wissenschaftliche Studien?

Laut einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zeigten Voruntersuchungen, dass tatsächlich eine 95-prozentige Übereinstimmung von dem von der Smartwatch erkannten und dem klinisch dokumentierten Vorhofflimmern besteht.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen jüngst auch Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung in einer umfangreicheren Studie, die im Februar 2019 veröffentlicht wurde und an der über 500 Personen mit und ohne Vorhofflimmern teilgenommen hatten. Verwendet wurden in der Untersuchung Smartwatches, bei denen die Erkennung von Vorhofflimmern nicht per EKG erfolgte, sondern mittels Pulswellenanalyse. D. h., die Uhren erfassen per Sensor den Puls, der am Handgelenk ankommt und der bei Vorhofflimmern oft unregelmäßig ist, was einer der wichtigsten Hinweise auf diese Rhythmusstörung ist. Insgesamt waren die Ergebnisse der Studie sehr gut, wobei sich teilweise Probleme bei der Signalqualität zeigten, insbesondere wenn sich die Träger der Uhr während der Messungen bewegten. Nicht zuletzt deshalb konnten unter dem Strich rund 20 % der Daten nicht ausgewertet werden, was deutlich macht, dass bei dieser Methode noch Luft nach oben besteht.

Mit Smartwatch Herzinfarkte erkennen?

Eine wichtige Information ist, dass sich die Smartwatch nicht dazu eignet, Durchblutungsstörungen des Herzens zu erfassen, weder einen Herzinfarkt noch eine koronare Herzkrankheit. Dafür ist die EKG-Funktion der Smartwatch, bei der es sich lediglich um ein sogenanntes 1-Kanal-EKG handelt, zu einfach. Stattdessen sind EKG-Geräte erforderlich, bei denen mehrere Ableitungen gleichzeitig aufgezeichnet werden können. D. h. bei typischen Schmerzen im Brustraum, die auf einen Herzinfarkt hindeuten könnten, darf keine Zeit mit der Smartwatch verloren werden, sondern es muss nach wie vor direkt und ohne den geringsten Zeitverlust die 112 gewählt werden.

Vergleichbares gilt für die Erkennung bösartiger Herzrhythmusstörungen, die zum plötzlichen Herztod führen können. Dafür ist die Smartwatch ebenfalls nicht geeignet. Weitere wichtige Informationen dazu bekommen Sie übrigens auch auf den gerade beginnenden Herzwochen, deren Hauptthema dieses Jahr der »Plötzliche Herztod« ist.

Arztbesuche mit Smartwatch sparen?

Die amerikanische Zulassungsbehörde weist in ihrem „device approval letter“ ausdrücklich darauf hin, dass die Ergebnisse der EKG-App immer von einem Arzt abgeklärt werden müssen. In keinem Fall kann die Funktion also einen Arztbesuch ersetzen. Aber sie kann helfen, relevante Daten des Herzrhythmus aufzuzeichnen und einen unregelmäßigen Herzschlag, der auf Vorhofflimmern hindeutet, zu detektieren. Auf diese Weise kann die App für den betreuenden Arzt bei der Diagnose-Stellung hilfreich sein.

Meine Empfehlung:

Falls bei Ihnen die Frage im Raum steht, ob von Zeit zu Zeit Vorhofflimmern auftritt, das sich nicht auf einfache Weise anders erkennen lässt, können Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt fragen, ob in Ihrem Fall ggf. auch eine Smartwatch sinnvoll ist. Beachten Sie allerdings den nicht unerheblichen Preis, der je nach Ausstattungsvariante und Bezugsquelle einige hundert Euro betragen kann, zumal eine Erstattung durch die Krankenkasse wahrscheinlich mehr als fraglich sein dürfte. Ob eine solche Smartwatch darüber hinaus auch für die Allgemeinbevölkerung sinnvoll ist, z. B. um Vorhofflimmern aufzuspüren, das ohne Beschwerden und nur phasenweise auftritt, was die Diagnosestellung oft besonders schwierig macht, muss sich erst noch zeigen. Nicht zu empfehlen ist die Uhr jedenfalls zum Erkennen eines Herzinfarktes. Dafür ist die EKG-Funktion der Smartwatch im Vergleich zu einem EKG, wie es in der Klinik oder von Notärzten vor Ort zum Einsatz kommt, zu einfach.

Experte

Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
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9 Kommentare

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Karin F Stavenhagen

Kommt mir wie gerufen!!! Lange war ich unschlüssig- nun hat sich mein warten gelohnt - und ich werde mir Smartwatch kaufen. Danke Herzstifung sagt Karin

Detlef W. Memmelsdorf

Sinnvoll dahingehend, Hinweise auf eine mögliche Herzerkrankung zu erhalten, die dann zu einer ärztlichen Abklärung führen sollten!

Irmgard M. Knetzgau

Ich trage seit drei Jahren eine pulsuhr, die auch die Schlafphasen wegen meines Schlafabnöhes aufzeichnet. Wenn man sich damit beschäftigt kann man sich selbst besser wahrnehmen und sich auch selbst besser helfen. Wenn ich mehr an der frischen Luft laufe, merke ich dass sich mein Puls wieder normalisiert und der Schlaf tiefer und ausgeglichener wird. Ob die neuen Smartwatches mehr können kann ich nicht beurteilen. Doch Selbstbeobachtung und Disziplin in Ernährung , Bewegung und Entspannung mit den notwendigen Medikamenten hilft sehr viel. Ich benötige z.B. keine Blutdrucksenker mehr.

Robert M. Waiblingen

Ich habe die Apple iWatch4 seit einem Jahr mit der EKG App im Gebrauch. Ich messe damit regelmäßig das 1-Kanal EKG und erhalte zuverlässige Ergebnisse. Ich habe aber auch keine Herzrhytmusstörungen und auch kein Vorhofflimmern. Die Uhr kann ich, wie von Herrn Prof. Meinertz beschrieben, weiter empfehlen. Die Uhr kann aber bei den erwähnten Herzkrankheiten keine sichere Diagnose abgeben. Immer einen Kardiologen aufsuchen.

Elfie M. Schongau

Ich habe mir überlegt, eine Smartwatch zu kaufen. Nach 3 Herzinfarkten dachte ich mir, wäre das eine tolle Sache. Immer eine gewisse Kontrolle bringt Sicherheit. Aber wenn das EKG nur 1 Kanal ist, kann man es vergessen. Eine unsichere Sache. Meine Sicherheit bleibt nach wie vor die halbjährliche Untersuchung bei der Kardiologin. Und bei Bedarf die Telefon-Nr. 112. Das ist die bessere Alternative.

Edwin B. Bayern

Der Artikel war sehr informativ.

Ursula E. Mainz

Mir hat meine AppleWatch wohl das Leben gerettet (bis jetzt????). Sie hat es erlaubt, dass mein Arzt Muster in meinen vielen EKG-Aufzeichnungen erkennen konnte, die selten auftreten und in den EKGs in der Praxis nie aufgetreten waren.

Wilfrid H. Hänigsen

Ich habe seit einigen Monaten eine SmartWatch 5 und habe gute Erfahrungen gemacht. Ich habe vorher mit meinem Kardiologen und mit meiner Hausärztin gesprochen: Beide finden das gut und haben mir dazu geraten. Jetzt maile ich beiden mein EKG zu und sie können in Ruhe das ansehen. Ergänzend: Ich bin 75 Jahre alt und hatte im März 2016 eine Aortendissektion mit 2 Schlaganfällen, 2 Lungsenembolien, einen Herzinfarkt und einen Aortenverschluß.

Anonymer Gast Ibbenbüren

Für uns scheint die Funktion interessant, da meine Frau immer wieder "Herzstolpern" hat, welches bisher dummerweise in keinem 24-Stunden-EKG "eingefangen" werden konnte. Die Uhr würde man dauerhaft bei sich tragen und könnte im Falle einer spontan auftretenden Rhythmusstörung diese aufzeichnen - und somit dem Arzt zur Diagnose vorlegen können!