Sprechstundenfrage

Wie gefährlich ist Cholesterin für Herzpatienten?

Wenn von Zeit zu Zeit Presse-Beiträge zum Thema Cholesterin kursieren, häufen sich in der Herzstiftungs-Sprechstunde meist schnell die Rückfragen beunruhigter Herzpatienten, z. B. ob Cholesterin-Senker tatsächlich unsinnig sind und besser abgesetzt werden sollten? Um sich nicht erheblichen Schaden zuzufügen, warnt die Herzstiftung jedoch davor, zweifelhaften Behauptungen leichtfertig Glauben zu schenken und Medikamente auf eigene Faust abzusetzen, wie in der folgenden Sprechstunden-Antwort ausführlich erläutert wird.

Die Sprechstundenfrage im Wortlaut:

Schon manches Mal haben mir die Publikationen der Herzstiftung weitergeholfen. Aber jetzt macht mich nachdenklich, dass Sie in den Herzwochen 2016 dem Cholesterin eine große Bedeutung beimessen. Ich habe im Fernsehen der Dokumentation „Cholesterin, der große Bluff“ entnommen, dass große Zweifel daran bestehen, dass hohes Cholesterin ein Risikofaktor ist.

Fallen wir hier nicht auf eine Ideologie der Pharmaindustrie herein, die damit Millionen über Millionen verdient? Ist eine Behandlung von erhöhtem Cholesterin, wozu mir mein Arzt ein Statin verschrieben hat, überhaupt sinnvoll? Immerhin gibt es auch Nebenwirkungen, die dabei auftreten können: Muskelkrankheiten, Alzheimer und Diabetes. Die meisten Ärzte nehmen wissenschaftliche Studien, in denen die Behandlung mit Statinen sich als vorteilhaft erwiesen hat, einfach hin, ohne sie zu hinterfragen.

Ich selbst überlege mir nach dieser Sendung, ob ich, der mit einer stabilen koronaren Herzkrankheit ganz gut zurechtkommt, das mir verordnete Statin einfach absetze. (Reinhard H., Eckernförde)

Experten-Antwort:

Ja, hohes Cholesterin ist ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Das ergibt sich nicht nur aus einer Vielzahl wissenschaftlicher Studien, sondern auch aus der Erfahrung mit Patienten, die von einer angeborenen Hypercholesterinämie betroffen sind. Diese Patienten haben genetisch bedingt ein sehr hohes LDL-Cholesterin (über 190 mg/dl) und damit ein extrem hohes Infarktrisiko.

Wenn Patienten in solch einem Fall die Anlage für hohes Cholesterin von beiden Elternteilen geerbt haben, sterben sie – sofern die Erkrankung nicht erkannt und nicht behandelt wird – schon als Jugendliche am Herzinfarkt. Haben sie die Anlage nur von einem Elternteil, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie bereits zwischen 30 und 40 Jahren einen Herzinfarkt erleiden.

Nicht immer sind Medikamente erforderlich

Anders verhält es sich, wenn das erhöhte LDL deutlich unter 190 mg/dl liegt. Dann hängt die Gefährlichkeit davon ab, ob zusätzliche Risikofaktoren vorliegen:  

  1. Menschen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, die z. B. ein LDL-Cholesterin von 145 mg/dl haben, aber sonst keinerlei Risikofaktoren aufweisen, brauchen nichts anderes zu tun, als gesund zu leben, und müssen keine Cholesterin-Senker einnehmen.
  2. Beim Vorliegen zusätzlicher Risikofaktoren, z. B. Bluthochdruck, Rauchen oder Diabetes, steigt das Risiko massiv an (exponentiell). Auch hier ist der Lebensstil wichtig, aber man kommt um Medikamente nicht herum, wenn man das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senken will. Das ist das Einsatzgebiet der Statine, mit denen der LDL-Cholesterinspiegel bei ausgeprägten Risikofaktoren unter 100 mg/dl, bei koronarer Herzkrankheit, nach Infarkt und bei Diabetes möglichst unter 70 mg/dl gesenkt werden sollte.  

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Die wichtigsten Nebenwirkungen von Statinen sind Muskelbeschwerden, die sich allerdings mit einer durchdachten Medikamenten-Umstellung oft gut in den Griff kriegen lassen. In sehr seltenen Fällen kann es zur Rhabdomyolyse (Auflösung quergestreifter Muskelfasern) kommen, die sich durch eine deutliche Erhöhung der Muskelenzyme Creatin-Kinase (CK) ankündigt.

Dafür, dass durch Statine Alzheimer entsteht, gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg. Im Gegenteil, da Statine das Risiko für Durchblutungsstörungen im Gehirn vermindern, wirken sie auch gegen Demenz.

Das Risiko unter Statinen einen Diabetes mellitus zu entwickeln, ist zwar minimal erhöht, aber der Nutzen der Statine überwiegt dieses Risiko. Eine wichtige Information ist dabei, dass sich Statine gerade bei Diabetikern als besonders wirksam zur Verhütung von Herzinfarkten herausgestellt haben.

Abschließende Bewertung: Wenn Sie als KHK-Patient das Ihnen verordnete Statin absetzen, können Sie sich selbst erheblichen Schaden zufügen. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang, dass Statine nicht nur den LDL-Cholesterinspiegel senken, sondern in Ihren Gefäßen auch die Plaques stabilisieren, durch deren Aufbrechen ein Herzinfarkt entstehen kann.

Experte

Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
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5 Kommentare

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Betroffener Paul Neumann Bremen

Also ich habe Statine bekommen und wurde nicht über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt. Ich hatte neben den wirklich sehr starken Muskelschmerzen (ich konnte kaum noch laufen, keine Treppen steigen und nichts mehr kauen), auch noch schwere Wortfindungsprobleme, die ich anfänglich auf die Narkose zurück geführt habe. Nach dem Absetzen der Statine wurden diese ebenfalls besser. Ganz ehrlich, das dieses medikament Dimenz verursachen kann, sehe ich nicht. Aber es kann eine ähnliche Symptomatik hervorrufen. Für mich war das fast schlimmer als die ganze Herzinfarkt Geschichte. Es wäre also schön, wenn hier diese Art von Medikament nicht so verniedlicht werden würde.

Dr. med. M. C. Lüneburg

Eine gute und inhaltlich angemessene Antwort, um die Bedenken der Patienten einerseits ernst zu nehmen und andererseits die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Therapie in den genannten Fällen zu unterstreichen.

Michael Kronshagen

Sehr gut erklärt. Verständlich. Endlich mal.

Bernd K. Rottweil

Ich habe ein Jahr lang Simvastatin genommen. Zur Prophylaxe, hieß es. Ich hatte Muskelkrämpfe, Herzschmerzen und Angst vor Leberschäden. Ich habe es dann selbst abgesetzt und wollte 10 Wochen später meine Blutwerte wissen, sie waren wundervoll. Jetzt war ich gestern beim Herzkatheter, alles gut, keine Stents.

Dr. Hans G. Eben im Pongau (Österreich)

Als pensionierter Arzt bin ich bei meinen vielen Vorträgen immer wieder mit Themen, welche in Ihren Informationen besprochen werden, konfrontiert. Ihre Arbeiten sind mir eine große Argumentationshilfe und Fortbildung für mich zugleich. Herzlichen Dank!