Ob WM, EM oder Bundesliga: Wenn Fußball läuft, fiebern viele Fans intensiv mit ihrer Mannschaft mit. Ein vergebener Elfmeter, ein spätes Gegentor oder ein dramatisches Elfmeterschießen können nicht nur emotional aufwühlen. Auch das Herz-Kreislauf-System reagiert auf solche Stressmomente.
Neue Untersuchungen mit Smartwatches zeigen, dass Fußballfieber messbar ist. In einer Studie der Universität Bielefeld wurden 229 Fans über rund zwölf Wochen begleitet. Beim DFB-Pokalfinale 2025 lag die durchschnittliche Herzfrequenz im Stadion bei 94 Schlägen pro Minute, vor dem Fernseher bei 79 und beim Public Viewing bei 74. Nach dem ersten Tor von Arminia Bielefeld stieg der Puls der Stadionbesucherinnen und Stadionbesucher im Mittel auf 108 Schläge pro Minute. Die Studie zeigt, dass Fußballspiele messbare körperliche Stressreaktionen auslösen können.
Für herzgesunde Menschen ist ein spannendes Fußballspiel in der Regel kein Problem. Bei Menschen mit bestehenden Herzerkrankungen kann starker emotionaler Stress dagegen Beschwerden auslösen oder verstärken. Wer an einer koronaren Herzkrankheit, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche oder einer anderen Herz-Kreislauf-Erkrankung leidet, sollte wichtige Spiele bewusst und gut vorbereitet verfolgen.
Wie wirkt sich Fußball-Stress auf das Herz aus?
Beim Mitfiebern wird das sympathische Nervensystem aktiviert. Der Körper schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin aus. Dadurch steigen Puls und Blutdruck, die Gefäße verengen sich, und der Herzmuskel muss mehr Arbeit leisten. Gleichzeitig nimmt der Sauerstoffbedarf des Herzens zu.
Bei gesunden Menschen ist diese Reaktion meist gut verkraftbar. Bei vorgeschädigten Herzkranzgefäßen kann sie jedoch problematisch werden. Sind Herzkranzgefäße durch Ablagerungen verengt, erhält der Herzmuskel bei starkem emotionalem Stress und erhöhtem Sauerstoffbedarf nicht mehr ausreichend sauerstoffreiches Blut. Mögliche Folgen sind Brustenge, Luftnot oder im schlimmsten Fall ein Herzinfarkt.
Starker emotionaler Stress kann bei gefährdeten Personen akute Herz-Kreislauf-Ereignisse begünstigen. Insbesondere, wenn die eigene Mannschaft verliert! Dieser „negative“ Stress kann dazu beitragen, dass Ablagerungen in den Gefäßwänden, sogenannte Plaques, instabil werden. Reißt eine solche Plaque ein, kann sich ein Blutgerinnsel bilden. Verschließt dieses Gerinnsel ein Herzkranzgefäß, kommt es zum Herzinfarkt. Auch Herzrhythmusstörungen können durch die Kombination aus Stresshormonen, erhöhtem Puls, Blutdruckanstieg, Alkohol und Schlafmangel begünstigt werden.
Welche Herzpatienten sollten besonders wachsam sein?
Besonders aufmerksam sollten Menschen sein mit:
- koronarer Herzkrankheit,
- früherem Herzinfarkt,
- Angina pectoris,
- Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern,
- Herzschwäche,
- schlecht eingestelltem Bluthochdruck,
- bekannter Arteriosklerose oder mehreren Herz-Kreislauf-Risikofaktoren.
Auch wer bei Aufregung regelmäßig Brustdruck, Herzrasen, Luftnot, Schwindel oder starke Blutdruckanstiege bemerkt, sollte wichtige Spiele nicht unvorbereitet schauen.
Herz-Checkliste vor dem Spiel
- Verordnete Herzmedikamente wie gewohnt einnehmen
- Notfallmedikamente bereitlegen, falls ärztlich verordnet
- Medikamentenplan oder Notfallausweis griffbereit haben — zu Hause, im Portemonnaie oder im Handy
- Handy griffbereit und aufgeladen, um im Notfall schnell Hilfe rufen zu können
- Wasser oder ungesüßten Tee bereitstellen
- Bei Bedarf Blutdruckmessgerät bereitlegen
- Nicht allein schauen, wenn bereits ernsthafte Herzprobleme bekannt sind (in Gesellschaft wird die Freude noch größer und das Leid geteilt)
Wichtig: Ändern Sie Ihre Medikamente nicht eigenständig. Wer bei Aufregung häufiger Brustdruck, Herzrasen oder Blutdruckspitzen bemerkt, sollte dies ärztlich besprechen — am besten nicht erst am Tag des entscheidenden Spiels.
So kommen Sie gut durch ein Fußballspiel
Viele Fans merken es schon Stunden vor dem Anpfiff: Die Gedanken kreisen um die Aufstellung, die Nervosität steigt, der Körper ist angespannt. Genau hier lohnt es sich gegenzusteuern. Die Bielefelder Wearable-Daten zeigen, dass die physiologische Erregung am Spieltag nicht erst mit dem Anpfiff beginnt, sondern bereits im Vorfeld ansteigen kann.
Planen Sie die Zeit vor dem Spiel möglichst ruhig. Vermeiden Sie, wenn möglich, hektische Einkäufe kurz vor Anpfiff sowie schwere Mahlzeiten und Situationen, die Sie erfahrungsgemäß aufregen, da bei manchen auch aufreibende Diskussionen über Mannschaft, Schiedsrichter oder Turnierchancen dazugehören können. Wer merkt, dass er innerlich bereits sehr angespannt ist, sollte bewusst eine kurze Pause einlegen: kurz hinsetzen, die Schultern lockern, ruhig ausatmen oder eine Runde um den Block gehen – so lassen sich Stresshormone abbauen.
In besonders spannenden Momenten halten viele Menschen unbewusst die Luft an. Das kann die Anspannung zusätzlich verstärken. Eine Möglichkeit ist, dem Körper ein klares Entspannungssignal zu geben. Eine einfache Technik für Elfmeterschießen, VAR-Entscheidung oder Nachspielzeit:
- Atmen Sie vier Sekunden lang durch die Nase ein und sechs Sekunden lang langsam aus.
- Wiederholen Sie das fünfmal.
- Das längere Ausatmen hilft vielen Menschen, ruhiger zu werden.
Auch kleine Veränderungen helfen: Setzen Sie sich etwas weiter vom Bildschirm weg, lockern Sie die Schultern und stellen Sie beide Füße auf den Boden. Wer merkt, dass Ärger, Herzrasen oder Unruhe zunehmen, sollte aufstehen, ans Fenster gehen oder ein paar Schritte im Raum gehen! Schon eine kurze Pause in der Halbzeit oder bei einer Spielunterbrechung kann helfen, die Anspannung zu senken.
Auch Messgeräte sollten sinnvoll eingesetzt werden. Ein Blutdruckmessgerät oder eine Smartwatch kann Sicherheit geben, sollte aber nicht zum Dauercheck werden. Ständiges Kontrollieren kann die Nervosität verstärken. Besser ist: vor dem Spiel einmal prüfen, bei Beschwerden erneut messen — und bei Warnzeichen nicht abwarten.
Die Halbzeit ist eine gute Gelegenheit, Anspannung zu senken statt sich 15 Minuten lang über den Schiedsrichter, den Trainer oder vergebene Chancen aufzuregen. Gerade Herzpatienten können diese Pause nutzen, um herunterzufahren.
- Stehen Sie auf, öffnen Sie ein Fenster, trinken Sie ein Glas Wasser und gehen Sie ein paar Minuten umher.
- Wer zu Hause schaut, kann kurz auf den Balkon, in den Garten oder vor die Tür gehen (eine Halbzeitrunde um den Block).
Bewegung in leichter Form hilft, Stress abzubauen — ohne den Körper zusätzlich zu überfordern.
Fußball und Knabbern gehören für viele zusammen. Doch stark gesalzene Chips, fettige Snacks und große Mahlzeiten belasten den Körper zusätzlich. Salz kann den Blutdruck erhöhen, schwere Speisen beanspruchen die Verdauung — beides kann bei gefährdeten Personen ungünstig sein, wenn das Herz ohnehin durch Aufregung gefordert ist.
Besser geeignet sind:
- Gemüsesticks mit Joghurt-, Kräuter- oder Paprika-Dip
- Obstspieße oder Beeren
- eine kleine Portion ungesalzene Nüsse
- Vollkornbrot mit Tomate, Hummus oder Frischkäse
- Wasser mit Zitrone, Minze oder Beeren
- ungesüßter Tee
So bleibt das Fußballschauen genussvoll, ohne das Herz-Kreislauf-System unnötig zu belasten.
Für viele Fans gehört Bier zum Fußballabend. Für Herzpatienten ist Alkohol jedoch keine gute Entspannungsstrategie. Alkohol, insbesondere in größerer Menge, erhöht den Blutdruck und begünstigt Herzrhythmusstörungen. Besonders bei Menschen mit Vorhofflimmern, Bluthochdruck oder Herzmuskelerkrankungen ist Zurückhaltung wichtig.
Am sichersten ist es, alkoholfrei zu bleiben. Wer dennoch Alkohol trinkt, sollte es bei kleinen Mengen belassen und langsam trinken, langsam trinken und zwischendurch Wasser nehmen. Alkohol sollte nicht dazu dienen, Nervosität oder Ärger „runterzuspülen“.
Viele WM-Spiele laufen spät am Abend oder mitten in der Nacht. Für Herzpatienten ist das wichtig zu berücksichtigen, denn Schlafmangel kann den Körper zusätzlich belasten. Wer übermüdet ist, reagiert oft stärker auf Aufregung, Stress und Ärger. Puls und Blutdruck können leichter ansteigen, und auch Herzrhythmusstörungen können durch die Kombination aus Spannung, Alkohol, spätem Essen und zu wenig Schlaf begünstigt werden.
Herzpatienten sollten deshalb bewusst erwägen, welche Nachtspiele sie wirklich live sehen möchten. Nicht jedes Gruppenspiel muss um jeden Preis geschaut werden. Wer am nächsten Tag früh aufstehen muss, sollte überlegen, ob eine Zusammenfassung am Morgen die bessere Wahl ist.
Checkliste für Nachtspiele
- vor dem Spiel eine Ruhepause oder einen kurzen Vorschlaf einplanen
- keine schweren Mahlzeiten spät in der Nacht essen
- möglichst alkoholfrei bleiben
- Medikamente wie gewohnt einnehmen und nicht wegen des Spiels verschieben
- nach dem Spiel nicht direkt aufwühlen lassen, sondern bewusst herunterfahren
- nach besonders spannenden Spielen Atemübungen oder ruhige Musik nutzen oder kurz spazieren gehen
- bei starker Müdigkeit, Brustdruck, Atemnot, Herzrasen oder Schwindel nicht „durchhalten“, sondern das Spiel abbrechen und bei Warnzeichen Hilfe holen
Wichtig: Der Körper braucht Erholung. Auch wenn Fußball emotional mitreißt — für Menschen mit Herzerkrankungen ist ausreichender Schlaf ein Teil der Herzvorsorge. Wer merkt, dass Nachtspiele den Blutdruck, den Puls oder den Schlaf deutlich durcheinanderbringen, sollte lieber auf Wiederholungen, Highlights oder Aufzeichnungen ausweichen.
Auch Kaffee, Cola oder Energydrinks sind keine gute Lösung, um ein Nachtspiel „durchzuhalten“. Koffein kann bei empfindlichen Menschen Herzklopfen, Herzrasen, Zittern oder Unwohlsein begünstigen. Besser sind Wasser, ungesüßter Tee oder alkoholfreie Getränke ohne viel Zucker und Koffein.
Stadion und Public Viewing: mehr Stimmung, mehr Reiz
Stadion und Public Viewing bedeuten mehr Atmosphäre — aber auch mehr Reize. Lautstärke, Menschenmenge, Gedränge, Anreise, Hitze, lange Wartezeiten und emotionale Gruppendynamik können die körperliche Stressreaktion verstärken. Die Bielefelder Studie zeigt dabei besonders hohe Herzfrequenzen bei Fans im Stadion.
Wer herzkrank ist und ein Spiel im Stadion oder beim Public Viewing sehen möchte, sollte deshalb besonders gut planen:
- nicht übermüdet hingehen
- vorher leicht essen
- regelmäßig Wasser trinken, besonders bei Hitze
- Schatten suchen und längere Zeit in der prallen Sonne meiden
- ärztlich empfohlene Trinkmengen beachten, etwa bei Herzschwäche
- Alkohol meiden
- lange Wartezeiten und Gedränge einplanen
- wissen, wo Sanitätsdienst, Ausgänge oder ruhige Bereiche sind
- möglichst mit vertrauten Personen gehen
- bei Beschwerden sofort Hilfe holen
Wer bereits bei kleineren Belastungen Brustdruck, Atemnot oder Schwindel bekommt, sollte vor Stadionbesuchen ärztlich klären, was zumutbar ist.
Gemeinsam schauen kann hilfreich sein
Bei bekannter Herzerkrankung ist es sinnvoll, wichtige Spiele nicht allein zu schauen. Angehörige oder Freunde sollten wissen, welche Beschwerden ernst zu nehmen sind und wo Medikamente liegen. Das schafft Sicherheit und erleichtert im Notfall schnelles Handeln.
Sagen Sie vorher ruhig offen: „Falls ich Brustdruck, starke Atemnot oder Schwindel bekomme, wartet bitte nicht ab, sondern ruft den Notruf.“ Im Ernstfall spart das wertvolle Zeit.
Warnzeichen: Wann sofort 112 gerufen werden muss
Bei Verdacht auf Herzinfarkt zählt jede Minute. Warten Sie nicht ab, ob die Beschwerden nach dem Spiel von allein verschwinden. Rufen Sie sofort den Notruf 112 bei:
- Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust, die länger als fünf Minuten anhalten
- Atemnot
- kaltem Schweiß
- Übelkeit oder starker Schwäche
- Schmerzen mit Ausstrahlung in Arm, Rücken, Hals, Kiefer oder Oberbauch
- plötzlichem Schwindel, Kollaps oder Bewusstlosigkeit
- neu auftretendem, starkem Herzrasen mit Unwohlsein
Hinweis für Frauen: Ein Herzinfarkt zeigt sich nicht immer durch starke Brustschmerzen. Gerade bei Frauen können Beschwerden wie Atemnot, Übelkeit oder Erbrechen, Schmerzen im Oberbauch oder Rücken, ausgeprägte Schwäche, unerklärliche Müdigkeit oder ein starkes Krankheitsgefühl im Vordergrund stehen. Auch dann gilt: nicht abwarten, sondern 112 rufen.
Wichtig: Nicht selbst ins Krankenhaus fahren und nicht erst die Verlängerung oder das Elfmeterschießen abwarten.
Fußball genießen — aber herzbewusst
Fußball darf emotional sein. Für Menschen mit Herzerkrankungen kann ein dramatisches Spiel jedoch den Puls, den Blutdruck und das Stressniveau erhöhen und dadurch das erkrankte Herz überlasten.
Mit guter Vorbereitung, in angenehmer Gesellschaft (oder Gemeinschaft), mit alkoholfreien Getränken, leichten Snacks, Atementspannungstechniken, ausreichend Schlaf und einem klaren Notfallplan lässt sich das Risiko senken. So wird aus einem aufregenden Fußballabend kein unnötiger Stresstest fürs Herz.
Experte
Prof. Dr. med. Bernhard Schwaab ist Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Chefarzt an der Curschmann Klinik, Timmendorfer Strand, einem Rehabilitationszentrum für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
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