Herzstiftungs-Sprechstunde

Vorhofflimmern: „Kann ich meinen Gerinnungshemmer wieder absetzen?“

Redaktion: Dr. med. Karl Eberius | ➞ 11 Kommentare  

Vorhofflimmern: Gerinnungshemmer absetzen?
Vorhofflimmern: Oft, aber nicht immer sind Gerinnungshemmer Pflicht.

Unter be­stimm­ten Be­din­gun­gen kann bei Vor­hof­flim­mern auf die Ein­nah­me von Ge­rinnungs­hem­mern ver­zich­tet wer­den. Wann dies der Fall ist, wird aller­dings von Me­di­zi­nern teil­wei­se sehr un­terschied­lich be­ant­wor­tet, wie nicht zu­letzt das fol­gen­de Bei­spiel aus der Herzstiftungs-Sprechstunde zeigt. Eine Patientin hatte dabei von ihren Ärzten widersprüchliche Empfehlungen erhalten und deshalb bei der Herzstiftung nachgefragt.

Die Sprechstunden-Frage: Im Sommer 2016 musste ich mich einer Aortenklappenoperation unterziehen. Wenig später wurde mir ein Herzschrittmacher eingesetzt. Seither habe ich regelmäßig auftretendes Vorhofflimmern – das sagen mir die Ärzte jedes Mal bei der Schrittmacherkontrolle. Ich merke aber gar nichts davon. Als Medikament nehme ich den Blutgerinnungshemmer Rivaroxaban ein, 20 Milligramm pro Tag. Während der Aortenklappenoperation wurde das linke Herzohr verschlossen. Aufgrund dessen, hat mir meine Kardiologin kürzlich gesagt, könne man die Dosis des Blutgerinnungshemmers reduzieren. Bei der Schrittmacherkontrolle hingegen haben mir die Ärzte geraten, die Dosis unverändert beizubehalten. Nun brauche ich Ihren Rat: Kann man nach einem chirurgischem Herzohrverschluss die Gerinnungshemmung reduzieren oder gar beenden? Oder kann man das nicht? Das scheint mir doch alles recht widersprüchlich zu sein. (Susanne L., Pforzheim)

Die Experten-Antwort:

Prof. Dr. med. Torsten Doenst
Prof. Dr. med. Torsten Doenst, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Herzstiftung.

Mit diesem Problem sind Sie nicht alleine – leider gibt es bislang keine offizielle Empfehlung, wie nach einem chirurgischen Herzohr-Verschluss mit der Einnahme von Gerinnungshemmern umzugehen ist. Das erklärt die oft widersprüchlichen Aussagen, wie sie auch bei Ihnen erfolgt sind.

Hintergrund-Info: Bei Vorhofflimmern kommt es in den Vorhöfen typischerweise zu deutlich veränderten Strömungsverhältnissen. Eine der großen Gefahren ist dann die Entstehung von Blutgerinnseln, die mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen und dort einen Schlaganfall verursachen. Zu einem Großteil entstehen die Blutgerinnsel dabei in den Herzohren, die eine normale Ausstülpung der Vorhöfe an der Herzoberfläche darstellen. Um die Gerinnsel-Entstehung in den Herzohren zu verhindern und damit die Schlaganfall-Gefahr zu senken, kann ein Herzohr-Verschluss grundsätzlich auf zwei unterschiedliche Arten erfolgen: 1. per Katheter vom Inneren des Herzens aus (Zugang z. B. über eine Ader in der Leiste oder im Bereich des Unterarms) oder 2. mit einem chirurgischen Eingriff von außen, was im Rahmen von Herz-OPs oft einfach miterledigt wird und wie dies z. B. im oben genannten Fall bei der Aortenklappen-OP gemacht wurde.

Studien stützen Absetzen von Gerinnungshemmern

Es gibt wissenschaftliche Studien, die den Verschluss des Herzohrs untersucht haben. Jedoch erfolgte der Verschluss dabei nicht wie bei Ihnen mit einem chirurgischen Eingriff von außen, sondern vom Herzinneren aus per Katheter. In den Untersuchungen gab es zwei Patientengruppen – einmal mit und einmal ohne Antikoagulation, also einer medikamentösen Blutgerinnungshemmung. Die Ergebnisse dieser Studien sprechen dafür, dass eine Antikoagulation wegen Vorhofflimmerns nach einem Verschluss des linken Herzohrs ausgesetzt werden kann.

Allerdings gibt es entsprechende Studien bislang nicht für den Verschluss des Herzohrs auf chirurgischem Weg von außen, wie er bei Ihnen erfolgt ist. Deshalb gibt es auch noch keine offizielle Empfehlung. Dem Prinzip nach sollte es aber egal sein, auf welche Weise das Herzohr verschlossen wurde. Daher wird oft in Analogie gehandelt, also der Gerinnungshemmer auch bei einem chirurgischen Verschluss des Herzohrs abgesetzt.

Wichtig: Dichtigkeit testen lassen

Bevor man auf die Blutverdünnung verzichtet, sollte jedoch unbedingt eine sorgfältige Überprüfung der Dichtigkeit des chirurgischen Verschlusses erfolgen, also ob tatsächlich kein Blutfluss mehr zwischen dem Herzohr und dem Vorhof stattfindet. Denn abhängig von der angewendeten chirurgischen Technik kann das Herzohr auch einmal wieder aufgehen oder der Verschluss war von Anfang an nicht vollständig, sodass sich im Herzohr möglicherweise weiterhin Blutgerinnsel bilden können.

Meine Empfehlung: Der Verschluss des Herzohrs sollte im Anschluss an den Eingriff immer mit einer speziellen Ultraschall-Untersuchung, einer sogenannten transösophagealen Echokardiographie, nachgewiesen werden. Dafür wird ein dünner Schlauch über den Mund in die Speiseröhre eingeführt, weshalb landläufig auch von Schluckecho gesprochen wird (Oesophagus = Speiseröhre, trans = hindurch). Wegen der unmittelbaren Nähe der Speisröhre zur Hinterseite des Herzens ist damit eine bessere Beurteilung der Vorhöfe inkl. Herzohren möglich, als dies bei einer Echokardiographie von außen durch den luftgefüllten Brustkorb der Fall ist. Wenn sich mit dieser sehr zuverlässigen Untersuchungstechnik dann zeigt, dass der Herzohr-Verschluss tatsächlich vollständig ist, kann auf die Antikoagulation verzichtet werden.

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Die Sprechstunden-Frage hat beantwortet: Prof. Dr. med. Torsten Doenst, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung und Direktor der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie Jena. Zu den Schwerpunkten des Herzspezialisten zählen u. a. die minimal-invasive Herzchirurgie, komplexe Herzklappenrekonstruktionen (Aorten-, Mitral-, Trikuspidalklappen) und minimalinvasive Ein- und Mehrfachklappeneingriffe inkl. Rezidivoperationen.

Redaktion: Dr. med. Karl Eberius

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Bislang 11 Kommentare  

Edl W. aus Limburg (01.09.2019): Natürliche Gerinnungshemmer, wie sie z.B. in den meisten Nahrungsergänzungsmitteln gegen Arthrose enthalten sind sowie Omega 3 aus Fisch- und ganz besonders aus Krill-Öl können chemische Gerinnungshemmer überflüssig machen. Die Umstellung muss schleichend erfolgen und durch INR-Werte bestätigt werden.

Eva-Maria S. aus Baldham (28.08.2019): Sehr verständlich formuliert, also gut für Laien.

Antonia aus München (24.08.2019): Frage: gilt die Empfehlung auch, wenn kein chirurgischer Eingriff stattfand und nur einfach Flimmern festgestellt wurde? (wenig Sport, Aorta vergrößert)

Antwort der Deutschen Herzstiftung: Vielen Dank für Ihren Kommentar. Für Fragen zu diesem Thema können Sie am einfachsten die » Sprechstunde der Herzstiftung nutzen, da unsere Herzexperten an dieser Stelle keine Nachfragen beantworten können. Alles Gute und herzliche Grüße! Ihre Deutsche Herzstiftung

Klaus aus Berlin (21.08.2019): Sehr hilfreiche Information, die ich gerade jetzt als Patient in der Benjamin Franklin Klinik in Berlin Steglitz, sehr begrüße. Der Professor der Kardiologie hat mich sehr ausführlich aufgeklärt, das empfand ich als sehr spannend und durch diese sehr excellente Aufklärung sind meine zahlreichen Ängste deutlich reduziert worden. Ganz großes Lob für diese perfekte Beratung!

John aus Memmingen (21.08.2019): Diese hochwüchsige Frage interessiert generell. Ich habe immer Angst, wenn mir mal etwas passiert und kein Arzt hat ein Gegenmittel. Ich nehme Lixiana wegen Vorhofflimmern und traue mich nicht abzusetzen, da es mir gut geht und die Monate mit dem Flimmern waren schrecklich. Was soll ich tun?

Antwort der Deutschen Herzstiftung: Vielen Dank für Ihren Kommentar. Für Fragen zu diesem Thema können Sie am einfachsten die » Sprechstunde der Herzstiftung nutzen, da unsere Herzexperten an dieser Stelle keine Nachfragen beantworten können. Alles Gute und herzliche Grüße! Ihre Deutsche Herzstiftung

Christian H. aus Aachen (21.08.2019): Wurde vor 5 Wochen an der Herzklappe operiert und dabei wurde das Herzohr verschlossen. Werde die Info bei meinem nächsten Termin beim Kardiologen nutzen.

Werner T. aus Oberndorf (21.08.2019): In welcher Klinik kann man das Vorhofohr verschließen lassen! Ich habe VHF und nehme keine Koagulationen.

Antwort der Deutschen Herzstiftung: Vielen Dank für Ihren Kommentar. Für Fragen zu diesem Thema können Sie am einfachsten die » Sprechstunde der Herzstiftung nutzen, da unsere Herzexperten an dieser Stelle keine Nachfragen beantworten können. Alles Gute und herzliche Grüße! Ihre Deutsche Herzstiftung

Carl-Heinz G. (20.08.2019): Das nützliche an dieser Sprechstunden-Antwort ist, dass un­ab­hän­gi­ge Herz­ex­per­ten, die als Chef- oder Oberärzte an Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken tätig sind, wertvolle, aktuelle Rat­schlä­ge zu Herz­krank­hei­ten geben und auch begründen, wel­che neuen The­ra­pien tatsächlich zu em­pfeh­len sind oder wie Be­trof­fe­ne ihre Er­kran­kung selbst po­si­tiv be­ein­flus­sen können. Ich bin froh, der Herzstiftung beigetreten zu sein!

Christel L. aus Heilbronn (20.08.2019): Wegen HVF hatte ich in den letzten Jahren 2 Katheterablationen. Das VHF kam aber von Zeit zu Zeit wieder und seit ca. 18 Monaten nehme ich neben Flecainid bei VHF jeden Tag 30 mg Lixiana. Seit einigen Monaten habe ich fast jeden Tag VHF, mal kurz mal länger und fühle mich nur noch schlecht. Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit ohne aber vor Herzklopfen schlafen zu können. Mein Zustand ist so belastend, dass ich morgen Termin beim Kardiologen habe. Habe seit einigen Jahren einen Occluder am Herz.

Regina S. aus Metzingen (20.08.2019): Vielen Dank für diesen höchst interessanten Artikel. Jetzt werde ich mich für mein Problem an Ihre Sprechstunde wenden, da mich interessiert, ob man bei mir das Herzohr auch prophylaktisch verschließen kann, damit ich kein Xarelto mehr nehmen muss.

Dr. med. Frank S. aus Essen (15.08.2019): Ich bin Internist im "Ruhezustand". Ich fand, dass die für einen Nicht-Mediziner schwierig zu verstehende Problematik ausgezeichnet erklärt wurde! Gratuliere!

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